Band 
Zweyter Theil [1].
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446
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446 Giordano.

entziehen darf, ohne in das Mittelmäßige hinab-zusinken, wie es so vielen seiner Nachfolger begeg-net ist. Ueberhaupt kann man seine Arbeiten inzwey Klassen theilen, ob er schon bekanntlich weitmehrere Style nachgeahmt ist. Einige seiner Ge-mälde zeichnen sich nämlich durch eine kräftigeFarbengebung aus, worinn er in Etwas seinenersten Lehrer Ribera zu erreichen suchte. Größten-theils aber, und mehr seinem eigne» Genius ange-messen , hat er, wie man in seinen beßten Werkenwahrnimmt, die Manier des Pietro da Cortona angenommen; in dieser ist die prächtige Freskomalerey im Casoni del Ritiro, und viel Andres imKöniglichen Pallaste zu Madrid ausgeführt. Insei»:« spätern dort verfertigten Arbeiten entfernteer sich etwas von erwähntem Styl, indem er Fi-guren a ja Paul Veronese , und auch nach Artderselben bekleidet, unter die steinigen mengte, zu-gleich die Kraft der Tinten und des Helldunkelsverminderte, und endlich in eine schwerfällige Ma-nier verfiel, die sich z. B. in den SalomonischenGeschichten, welche später als die Malcreyen imEskurial verfertigt wurden, offenbaret." Fiocillonun, welcher glaubt, daß Mengs in der eben an-geführten Stelle unserm Künstler zu »»gütlich ge-than habe, fügt dann I. c. hinzu: ^L»ca besaßeinen leichten Styl, und begnügte sich, nachdemer die beßten italienischen Muster genau studirthatte, die wesentlichsten Züge derselben wieder dar-zustellen, und vermöge seiner großen Uebung denSchein der Vollkommenheit seiner Vorbilder zu er-reichen , indem er doch die eigentlichen Schwierig-keiten umgieng. Er bekümmerte sich deshalb wenigum die Tiefen der Zeichnung, um die Auswahlschöner Formen und einen erhabenen Ausdruck; ergehört aber darum nicht unter die schlechten Zeich-ner und empfindungslosen Maler. Wer wird ihnnicht in seiner Harmonie, im Zauber seiner Farben,in dem ungeheuern Umfange seiner Kompositionen,in der Dreistigkeit seines Pinsels, im Feuer undReichthum seines Geistes bewundernswürdig fin-den? Da er Überbein die Kunst besaß, die berühm-testen Maler auf das Täuschendste nachzuahmen,so vermied er dadurch in seinen Werken jene allge-meine Einförmigkeit der Gestalten, Physiognomienu. s- f. welche uns in Pietro da Cortona miß-fällt", u. s. f. Wieder etwas anders, als vonFionllo, wird Giordano von Füßli Hl. 19595.beurtheilt: Meines Erachtens " (sagt er)« ist der-selbe allerdings als der vornehmste der neapolita-nischen Maler zu betrachten. Mit nicht wenigerFeuer und Lebhaftigkeit, als Salvator Rosa , vonder Natur begabt hatte er eine so anffcrordentlichleichte und schnelle Empfänglichkeit für oas Schonein den Werken derjenigen altern Meister die seinerüppigen Einbildungskraft entsprachen, daß er sichsolche gewöhnlich ohne viele Mühe zu eigen zumachen wußte, und sich daraus einem Styl schuf,der in der Anordnung- Zeichnung, Farbe undHarmonie groß genannt werden kann, und eineVermischung von jenen des Paul Veronese undPeters von Cortona zu seyn scheint. Es finden^jch sogar Vorstellungen von erhabner Art bey ihm;aber"diese machen freylich den weit geringern Theilseiner Werke aus, und der ungleich größere Theiljführt jene Gebrechen mit sich, die von sei-nem Fw Presto unzertrennlich waren. Die erstaun-liche Menge weitschichtiger Werke, die er lieferte,konnten ihm nur höchst feiten die erforderliche Mußezur gehörigen Überlegung und sorgfältigen Aus-führung lassen. In seinen wohlüberdachten undmit dem erforderlichen Zeitaufwand vollendetenWerken aber findet man dichterische Gedanken,reiche und gefällige Anordnung, eine grandiose,geschmackvolle und bisweilen gekehrte Zeichnung,Än starkes und harmonievolles Colorit, mit vielwahrem Ausdruck der Gemüthsbewegungen". Wiedie Schrift ÜDinkelmann und sein Jahrh. (S.S2yZo.> unsern Künstler mit seinem ZeitgenossenI. B-Eauli wesentlich in Eine Linie stellt, habenwir oben unter dem Art. dieses letzter« vernommen.Von Giordano insbesonders noch wird das gefäl-

giordano.

lige blühende Colorit seiner Oelgemälde, und daszwar minder kräftige, aber doch immer helle undfröhliche seiner Freskoarbeiten, letztres besondersin der Galerie Riccardi zu Florenz , dann sein bis-weilen angenehmer harmonischer Ton, wie z. D. i»der Kapelle Corsini al Carmine, sehr gerühmt; undendlich von seinen Nachahmungen der Manierenanderer Meister, selbst eines Raphael und Titian ,gesagt:Es kann freylich die Frage nicht walten,ob dergleichen Nachahmungen etwas mehr als nuroberflächliche Aehnlichkeit enthalten, und ob sieden wahren Kenner täuschen konnten ; indessen brei-tete doch eben diese Uebung, welche unser Künstlerbesaß, über alle seine Arbeiten einen gewissenSchein von Geschmack, Zierlichkeit der Formenund des Faltenschlags aus, der unter die bessernTheile seiner Kunst gehört." Recht gut dann, un-sers Bedünkens, charakterisirtssochin unsern Gior-dano, wie folgt:Die neapolitanischen Maler,"(sagt er) « sind zwar in mancher Rücksicht vortrefrlich, aber nicht von der ersten Ordnung. Mankann sie im Allgemeinen als manierirte Künstler be-zeichnen, mittelmäßig gelehrt in ihr>r Kunst, undfast alle Nachahmer des Pietro di Cortona . Dervcrfuhrerischte unter allen ist Lucs Giordano.Sein Genie ist überströhmend, seine Ausarbei-tung von der schönsten Leichtigkeit; sein Colorit,ohne in Rücksicht auf Blüthe und Wahrheit derTöne sehr vorzüglich zu seyn, ist doch ausserordent-lich angenehm, und man kann im Allgemeinensagen, daß es ein schönes Colorit ist. SeineZeichnung hat nichts von jenen gelehrten Feinhei-ten , welche von einem tiefen Studium herrühren;die Natur ist hier nicht von genauer Richtigkeit;indessen sind feine Werke hinlänglich gyk gezeichnet,und verrathen nicht jene plumpen Mängel, diLman zuweilen bey größer,, Meistekn, alä Er ist,findet. Er ist einer von denen, welche alle Theileder Malerey in einem hinlänglichen Grade verei-nigt haben, um das größte Vergnügen für dasAug' hervorzubringen, ohne bey näherer Unter-suchung das nämliche. Gefühl von Bewunderungzu erregen , welche man bey dem Anblicke von denArbeiten derer empfindet, die ihre vorzügliche Auf-merksamkeit nur auf eine von den Parthien derKunst gerichtet haben, und denen es so gelungenist, sie auf die höchste Stufe zu bringen." WasCochin dann wei'er im Allgemeinen über den Vor-zug der Vereinigung aller Theile der Mahre') zueinem hohen, oder hinwieder des Besitzes einereinzigen in einem erhabenen Grade sagt, verdientnachgelesen zu werden. «Was man" (fährt erdann weiter fort) «vorzüglich an Giordano be-merken muß , ist die Uebereinstimmung und die har-monische Wirkung im Ganze» seiner Werke. DerKunstgriff, dessen er sich bedient, und denselbendoch niemals übertrieben hat, besteht barinn, daßer gewissermaaßen alle seine Schatten in dem näm-lichen Farbenwn machte." Vareler, der obigesUnheil von Cochin anführt, und demselben über-haupt beyzustimmen scheint, setzt dann aus demSeinigen hinzu: Daß es unserm Künstler zu sehran Festigkeit mangelte, und daß er zu viel Run-dung besaß. Ferner: «Die Carnation seiner weib-lichen Personen hat Mürbigkeit, die seiner Kindervollends jene Weichheit, die diesem Alter zukömmt.Seine Frauenkvpfe waren gewöhnlich schön, oderdoch graziös; seine Sckatren zuweilen ein wenigschwarz, andremale röthlich, zuweilen auch schwärz-lich grau." So würde der von Eocbin oben an-geregte Kunstgriff wohl zu den ziveydeutigstengehören). Und endlich hören wir auch noch an,wie ein Landsman» von Luca über ihn, wie eSuns scheint, recht unpartheyisch, noch eher strengegenug zu Gericht sitzt. «Klare Spuren" : sagtLanzi l. 6z6 59.)find vorhanden, daß Gior-dano Anfangs den Styl von Spagnolelto befolgthabe; dann hieng er ziemlich Paul Veronese an,und behielt von diesem beständig die Mapime bey,daß man mit Augen gewinnenden Zierathen in Er-staunen setzen müsse. Von Cortona hiernachstent-lehnte er die Comraste in der Komposition, die