Band 
Zweyter Theil [1].
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Heß.

auf den Alpen ; und hier war sein Rechnungsbuchzugleich sein Zeichnungsheft. Dieser zufällige Um-stand ,chuf ihil zu dem was vor ihm keiner war,und in solchem Maaße seither keiner geworden ist,zum Maler der achten Schweizergebürgs-Natur,und bald wurden seine Gemälde und Zeichnungenvon Einheimischen und Fremden eifrig gesucht. In1/90. verband er sich mit einer Lebensgefährtin,welche eben das zarte Gefühl für die Schönheitender Natur besaß, das in seiner eigenen Brustherrscbte z eben den Sinn für Einfalt der Sittenund geistige Freuden; eben die Abneigung gegenalles flatterhafte Wesen, das ihm von jeher verhaßtwar, und um deswillen er selbst dcn bessern Theildes andern Geschlechts bisher verkannt hakte. Diesewürdige Frau hatte Geistesstärke genug, ihn nochselbst zu ermuntern, seinem frühe genährten Wunschzu folgen — wär' es auf noch so kurze Zeit, einmalItalien zu sehen. Am 8. Sept. 1794. trat er, miteinem Freunde, zu Fuß seine Wanderung auf Rom an. Inner wenigen Wochen hatte er die dortigeKunst/ und die Natur in den umliegenden klassischenGegenden so vollständig genossen, wie sonst kaumjemand in drey gedoppelter Zeit; und mit welchemEinfluß auf seine Kunst, werden wir bald untenhören. Italiens Himmel, Claude Lorrain undPoussin — wenn er ste gleich (Weniges in Eile hin-geworfenes ausgenommen) an Ort und Stelle nichtnachbilden konnte — trug er darum nicht minder inder begeisterten Seele mit sich nach Haus, wo ergegen Mitte Novembers wieder anlangte. DieseReise war Heße's letzte und merkwürdigste Wan-derung; selbst seine sonst gewöhnlichen alljährlichenAlpenkurse wurden jetzt durch den mannigfaltigen,damals schon auch auf die Schweiz sich erstreckendenEinfluß des ausgebrochcnen Revolutionskricgs sogut als aufgegeben. Eine besondre Folge diesesWeltereignisses für ihn, war: Daß die Bestellungenvom Auülande sich merklich verminderten. Um1798. fleug er daher an, einen großen Theil seinerZeit dem Kupferätzen zu widmen; und eben dieserUmstand wurde nun wahrscheinlich die nächste ver-anlassende Ursache seines allzufrühen Todes. Diesitzende Lebensart, von deren nachtheiligen Folgener sich sonst auf Vergreisen zu erholen pflegte, dasanhaltende Studium eines neuen, und namentlichdes erwähnten Kunstzweigcs, dem er nunmehr fastnoch leidenschaftlicher, als früherhin der Malereyoblag — von dem er schlafend noch träumte, mußtenothwendig auf seine Gesundheit dc» gefährlichstenEinfluß haben. Scl-vn in der Jugend fühlte eroft strenge Brustbeschwerden. Diese stellten sichjetzt neuerdings ein. Endlich warf ihn das damalsherrschende Gallenfieber völlig zu Bette, welches,verbunden mit einem Lungengeschwür, sein Endbeschleunigte. Er starb am rä. April 1800.

Und nun die so viel möglich getreue Charakteristikseiner großen Kunst.

Schon frühe, und sobald er die Kräfte ahndete,die in seiner Seele lagen, faßte er den festen Ent-schluß, nicht auf dem Wege der Mittelmäßigkeitstehen zu bleiben. Seine Abneigung gegen bloßeTändeley, der Ernst mit dem er Alles betrieb, wasin irgend einer Kenntniß ihn weiter bringen konnte,war frühe an ihm unverkennbar. Die Schriften, wel-che er über die Kunst las, belehrten ihn bald, daß derWeg zurwahrenGröße anfangs kein lcichterBlumen-pfad sey. Daher ließ er sich durch kein Hinderniß ab-schrecken, sein sich selbst hochgestecktes Ziel unab-läßig zu verfolgen, und oft mußten ganz heterogenscheinende Dinge ihm zu sehr wichtigen Zweckendienen. Was unsern Künstler vor allen Dingenzu einem so getreuen Schüler der Natur machte,war vielleicht gerade der Mangel ««Gelegenheit, nachandern Mustern, als nach ihr selbstisch auszubilden.Diese unerschöpfliche Quelle der Schönheit machtefrühere Eindrücke auf ihn, als ihre bloßen Nach-ahmungen; daher war und blieb sie auch immerseine vorzüglichste Lehrerin. In beständiger Rück-sicht auf sie betrachtete er Alles, was er nachwertsan Kunstwerken sah; und nur, was sich von dielenletztem ihr näherte, zog ihn an sich. So konnten

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dieselben ihn bloß unterrichten, nicht mehr ver-führen ; so fiel er nie weder ins Manierirte noch insEintönige, und schwächte nie durch's NachäffenAnderer die Kraft der eigenen Erfindung. Wasbey unserm Künstler die ausnehmende Leichtigkeithervorbrachte, mit der er seine Gedanken auf dieLeinwand warf, war die schnelle Benutzung desMoments, in welchem das Bild klar vor seinerSeele lag. »Von großer Wichtigkeit für jungeKünstler" (sagt eine seinerSchülerinen) »ist ganzgewiß der Rath, den mir Heß mehr als einmalgab , die Einbildungskraft auf alle mögliche Weiseanzubauen, weil sie die Mutter der Erfindung ist;frühe aus dem Gedächtniß zu entwerfen, aber denStoff deswegen nicht minder stets aus der Naturherzuholen. Er selbst war uncrmüdet, immerneue Schönheiten in derselben aufzusuchen, obschoner einen Schrank voll Studien besaß. Er empfahl,die ersten in ihren mannigfaltigen Charaktern genau,aber nie das Ganze sclavisch zu copiren." Waser von Kunstwerken sah, betrachtete er bloß mitphilosophischem Nachdenken, wandte, was erGutes und Vortrefliches an ihrer Ausführung fand,auf eigene Composition an, und hielt sich übrigensganz an seine große Lehrerin. Dann aber ließ erjede Unvollkommenheit aus seinen Darstellungenweg, womit Geschmacklosigkeit der Menschen, oderKränklichkeit verdorbener Natur dieselbe verunstaltethatte. Daher wählte er zu Gegenständen feinesPinsels selten andre Gegenden, als solche, welchevon Menschenhänden verschont geblieben; daherzogen ihn die helvetischen Alpen so mächtig an sich,jene ewigen Felsenthrone, denen die Cultur so leichtnichts anheben kann; jene lieblichen Thäler, woein mit der großen Welt unbekanntes Hirtenvolk inkunstloser Einfalt sich angebaut hakte, und die Naturselbst nur in große» Gedanken sich enthüllt In allenseinen Werken suchte er die Einheit. Alles mußteEinem großen Gedanken untergeordnet seyn. Ebenso hielt er es mit der Beleuchtung, so daß er allebeleuchtete Punkten stets mit einander zu verbindensich bestrebte. Er hatte ferner bey seinen Compo-sitionen die Absicht, nicht bloß Gedanken zu zeigen,sondern auch in Andern zu erwecken; nicht bloßihr Auge, sondern auch ihre Phantasie zu beschäf-tige», und damit das Interesse des forschendenBeobachters um so viel anhaltender auf seine Ge-mälde zu ziehen. Eine besondre Art machte sich unserKünstler eigen, um nach der Natur zu zeichnen. SeineScizzen waren ganz hicroglyphisch, und dientengleichwohl vollkommen, seinem Gedächtniße Form,Beleuchtung und Farbe wieder getreu in Erinne-rung zubringen, sobald er ihrer — oft sehr langenachher — bedurfte. Zu dem Ende warf er zuerstkorrekte Umrisse von den Hauptformen der Bergeund Thäler hin; sodann bemerkte er durch ein-fache Linien die Lagen - und Schichtungs-Weife derFelsen, durch zackigle Schraffurcn die Nadelwälder,und durch sanftwallichte die Laubwaldungen. Fürdas Hauptlicht und die Farben hatte er wiedergewisse willkuhrliche Zeichen. Vermittelst weißerKreide deutele er auf dem gefärbten Grunde denSchaum und Fall herabhstürzender Bäche, mitPastcllcrayons aber die mannigfaltigen Effekte derBeleuchtung an. Nie wagte er es, eine (Kompo-sition in Oel oder Zeichnung auszuführen, ehe derGedanke, den er zu bearbeiten sich vorsetzte, inallen feinen Lyeilen reif war. Er hatte daher be-ständig mehrere grunbirte Bretter in Bereitschaft.Mit Kohlen entwarf er erst dcn Hauptgedankendarauf; sodann veränderte und, veredelte er dieHanptformen, und endlich setzte er mit gelber oderweißer Kreide das Licht auf. Oft ließ er einensolchen Entwurf mehrere Wochen lang in einemWinkel stehn, bis er ihm gleichsam ganz fremdewurde, und er mit neuer Ueberlegung denselbenbeurtheilen konnte. Eine seiner (wohl güldenen)Regeln für seine Kunstgattung war: »Man solleiner Composition nie ansehen, daß sie eine solcheist; lieber hör' ich, wenn man mich nach der Ge-gend frägt, wo diese und jene Landschaft aufge-nommen sey." Aeusserst sorgfältig war unser