Band 
Zweyter Theil [1].
Seite
542
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542 Heß.

Künstler endlich in Allem, was Zubereitung zurwirklichen Ausübung seiner Kunst hieß. Schonfeine FarbenbehLUer, seine Pinsel, Palette undTuch, sowie sein Zimmer, verriethen den höchstenGrad von Reinlichkeit und Ordnungsliebe. Seine,man möchte sagen auf's Gewissenhafteste gewähltenFarben mußten eben so aufs feinste gerieben undzubereitet seyn; früher erworbenen Kenntnisse inder Chymie kamen ihm sehr wohl zu statten, um zuwissen, welche derselben durch die Zeit am Wenig-sten verändert wurden; welche sich mit einander amBeßtcn vertrügen oder nicht, u. s. f Eine ähnlicheäusserste Sorge trug er, immer die klarsten undreinsten Oclc zu erhalten. Unter seiner eignen Auf-sicht ließ er sich den Leinsaamen in einer kleinenmetallenen Presse, die nicht gewärmt werden durfte,auspreßen, stellte dann das Oel einige Tage inFlaschen, zog es nachher wieder ab, und wieder-holte dies noch ein- oder zweymal, bis sich garkein Bodensatz mehr sammelte, und sein Oel bey-nahe weiß, wie Wasser erschien. Mochte er nunauf Tuch, Hol; oder Kupfer malen, fast immergeschah es auf fcinabgcsch'.iffnen, weißgelblichten,meistens ölfarbuen, nur selten auf Kreidcngrund.Allen diesen Sorgfalten wird die unveränderteDauer seiner Gemälde, derjenigen zumal aus seinenzehn letzten Jahren vornehmlich zuzuschreiben seyn,da ihn überdies die Erfahrung belehrte, daß esimmer besser sey, zu hell als zu dunkel zu malen,weil die Zeit ohnehin denn doch jede Farbe mehrund minder nachzudunkeln pflegt. Zählen wir nundie Resultate eines solchen, im Kleinsten wie imGrößten unermüdeten Kunststudiums kürzlich auf,so bestuhnden Heße's Vorzüge wesentlich in Fol-gendem :

1. In der charakteristischen Darstellung derSchweizerschcn Gebürgs - Natur, von den dunkelnGründen des tiefsten Thals, hinauf zum Schmelzseiner Matten, und empor bis zum Sonnengipfelder höchsten Alpen, oder bis zu den Schneehauprerndes ewigen Eises. Dort und hier Alles wahr,nichts übertrieben in Farben und in Gestalt, wiesolches sonst vor ihm, man möchte sagen durchausalle Nachbildner dieser Natur — und seither wieder— wie so viele! gethan. Aber nicht bloß die todtenFormen, auch den Geist derselben stellte er dar;nicht nur die bleibenden Massen, auch die vorüber-gehenden Erscheinungen: Den Wandel der Wolkenund Nebel, und die dadurch erzeugten Licht- undSchattenspiele alle, von den Riesenstirnen der Bergebis an ihren Fuß. Und hier im Thal, welche stille,anmuthige Jdyllenwelt — weder die Griechischezwar, noch die Geßnersche, sondern — und warumnicht? — unverkennbar und unvermischt, einzigdie Schweizecsche! idealisirt nicht mehr und nichtminder, als wie sie, nicht etwa bey den Verbildetenund Ueberbildeten, sondern bey den glücklichsten ihrerEinwohner — etwa so wie Hacker sie besungen,und sie hie und da sich noch in der Wirklichkeit findet.Dahin gehört besonders auch seine Wahl des Staf-fage's von Wohnungen, Wirthschaft, Menschenund Vieh; überall nichts Schlechtes und Niedriges,aber eben so wenig das Ungemeine, oder Landun-übliche. Darum heimeln auch seine Gemälde denSchweizer, und Alles was die Schweiz liebt, somächtig an.

2. In dem frischen, wahren, natürlichen Grün,der durchsichtigen Klarheit und Beweglichkeit seinerWasser, worinn es wenige Künstler zu größrerVollkommenheit gebracht als er; in dem Abspiegelnder Berge an den Ufern seiner Seen; in den zittern-den Silberblicken seiner Bache, in der Mächtigkeitund Fülle seiner Wasserfälle (dieses, in solcherMenge und Mannigfaltigkeit, ebenfalls eigen-thümlichen hohen Schmuckes der Schweizernatur),welche kein Andrer in allen ihren Erscheinungen imGanzen so treflich — nur einige vielleicht in ihrenSchauern furchtbarer gemalt.

Z In der Wahl und Anordnung seiner Gegen-stände; in dem Ebenmaaß aller Theile; in der durchnichts gestörten Harmonie seiner Vor- Mittel- undHintergründe; in dem nüchternen Reichthum der

Heß.

erstem; in den einladenden Geheimnissen der zwey-ten; in den immer der Hauptvorstellung angemeßnenHorizonten der letzter». Ueberhaupt in Vermeidungalles Fremdartigen, Gesuchten und Affektirten, seyes nun in der Zusammenstellung der Masse», oderin der Beleuchtung derselben.

In seinen vielfachen praktischen Verdienstenendlich: In dem saftig klaren Schmelz seiner Far-ben, in der leichten Keckheit seines Pinsels, indem still verborgenen, aber dennoch Alles vollen-denden Fleiß seiner Ausführung.

Uebrigens lassen sich vielleicht drey Epochen vonHeße's Kunst ziemlich deutlich unterscheiden.

Erstlich seine früheste bis in sein zwanzigstes Jahr,wo er theils die Natur noch ohne Freyheit, ängst-lich genau, wie sich solche ihm anbot, darstellte;oder wo er Einiges, doch selten, nach Wüst u. a.pünktlich copirte.

Dann seine zweyte (von 1780—94.), wo seinehäufigen Wanderungen durch die Schweiz , vereintmit unabläßigem Nachdenken und unermüdetenStudien bey Hause, ihn bald zu dem großenSchweizer - kJarurkunstler mir Wahl bildeten,der zuverläßig bisher nicht Seinesgleichen hatte.Und aus dieser Epoche schreiben sich vielleicht seinekühnsten und glücklichsten Bilder her.

Endlich seine dritte, von seiner Rückkehr ausItalien an. Schon seine frühern Reisen durch dieitalienische Schweiz hatten ihn auf die Vereinigungdes Schönen mit dem Wahren zuerst aufmerksamgemacht. Seit derjenigen nach Rom tonnte er,nebst Raphael — das Meer, und Claude Lorrai»,nie vergessen. Von da an zog seine Phantasie inein ganz neues Gcfild ein, das sie sich selbst erschuf,und er bildete sich zum idealischen Künstler gleichsamsam sich dessen unbewußt, und ohne deswegen derNatur ungetreu zu werden. Seine Mischungenwurden sanfter und reiner; seine Himmel glänzen-der, sparsamer sein Schöngrün; seine Baume ge-wannen an Fülle, seine Vorgründe an Ueppigkeit;seine Praktik der Hand ward immer sichtbarer.Seine Originalität allein verminderte sich; in sei-nem neuen Werth war er noch immer einer derersten, aber nicht mehr der Einzige.

Ungeachtet Heß keines seiner Gemälde aus derHand ließ, welches nicht das Gepräge der fleissig-stcn Vollendung an sich trug, so ist dennoch dieZahl seiner Arbeiten, die sich nach Deutschland ,Frankreich, England, Dänemark, Rußland undin der Schweiz verbreitet haben, äusserst beträcht-lich. Mehrere der schönsten besitzt Herr Douglasin London , worunter sich ein Montblanc befindet;sieben andre Frau Friedcrike Brun, geb. Müntcr inKopenhagen ; namentlich: Ein Alpenmorgen inObcr-Wallis zwischen Martinach und Bey; eine»andern Morgen auf dem Wallensiärter-See; einenAbend am Lago Maggiore , einen Ausblick vomUfer eben dieses Sees auf die Borromäen; dieVilla des Plinius am Comersee; eine Enge desWaldstätter-Sees mit der Tellenplatke; und einenAlpsee des Glarnerscheu Murgthals, von welchenallen die Besitzerin in einem Sendschreiben an denVerfasser gegenwärtiger Zusätze, bald »ach desKünstlers Tod geschrieben, und dem deutschenMerkur ( 1800.) beygerückt, .mit dem ganzen

Enthusiasmus ihrer schönen Seele, und mit demGeist einer achten Kcnnerin spricht. Ich selbst zähledie beyden classischen Schweizergegende» des Grätli,und Teils Kapelle in der Hohlen Gasse von ihm,als meine ersten Kunstschatze. Alles aber wird von20. seiner auserlesensten Werke übertroffen, welchesich noch bey der Frau Wittib des Gel. befinden,„die" (wie Meyer in seiner angeführten Schrifteben so wahr als vo,treflich sagt) „beym Anblickdieser theuern Denkmäler oft die düstere Gegenwartvergißt, und im Andenken an die Vergangenheit sowie in der Hofnung der Zukunft den Trost wiederfindet, der bessere Seelen bey der Trennung vonihrem Geliebtesten einzig beruhigen kann."

Nach Heße's Gemälden in Oel verdienen seineschönen Zeichnungen, fast ebensosehr die Aufmerk-samkeit aller Kenner. Anch hier leitete ihn vor-