Band 
Zweyter Theil [2].
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768
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766 Maratti.

vieler Richtigkeit; seine Formen sind edel und leicht,und seine Köpfe, besonders die weiblichen, habensehr viel Anmuth; er drappirte in einem großenGeschmack, aber selten nach der Wahrheit (ganzvon Lanzi's verschiedenes Urtheil!); der Ausdruckder Gemüthsbewegungen in seinen Gesichtern istbisweilen etwas zu kalt, und die Charaktere der-selben oft zu unbestimmt. In seinen beßten Jahrenhatte er eine starke und schöne Färbung, in seinemAlter aber fiel er damit in das Graue und Matte."Noch tiefer indessen, und wohl, nach unserm Er-messen, nicht zu scharf geht die Schrift: Winkel-mann und sein Jahrhundert (S- 2Z2Zg) inden Kunstcharakter von Maratti hinein:Der-selbe" (heißt es dort)wollte mit strengern Grund-sätzen und einem höhern Begriffe von der Kunst,als es die Giordano, Lauri u. a. gethan, deneklektischen Weg einschlagen und aus den Werkender vorzüglichsten Meister sich einen eigenthümlichenStyl bilden. Doch sein Talent reichte nicht hin,den verschiedenen Gehalt dieser Metalle in einenGuß zu vereinen, oder, mit andern Worten, esweiter als zum Plagiat zu bringen. In seinenallerbeßten Werken erscheint er daher, entwederals Nachahmer seines Lieblingsmustcrs des GuidoRcni, wie z. B. in der Anbetung der Könige in derKirche St. Marco; oder sie sind gleichsam ausmancherley Bruchstücken zusammengesetzt, wie dasAltargemälde der Kapelle Spada in der Chiesa Nuova , worin man zugleich an den Rafael, Cor-reggio, Guido und Guercino erinnert wird; inmehreren andern bediente er sich eines gesättigten,ernsthaften Farbentons, und scheint alsdann sichseinem Lehrer, dem Andrea Sacchi , haben nähernzu wollen. Don dieser Art sind die schöne» Ge-mälde in einer der H. Jungfrau und dem H. Josephgeweiheten Kapelle, in der Kirche St. Jsidoro; dieGeburt Christi in St. Giuseppe de Falegnami (jenes,welches F'iorillc» oben sein erstes nennt!): eineMaria mit dem Kinde und Engeln, in der Galeriezu Dresden , von denen allen man glauben darf,sie seyen aus des Künstlers früherer Zeit. Anderehingegen, welche er wahrscheinlich später verfertigte,wie das große Altarblatt zu St. Carls al Corso,das Gemälde in der Kapelle Cibo zu St. Maria delPopvlo, u. a. m. haben einen Hellern Farbenton,derzuweilen gar etwas insMattefällt; ihreFormenaber sind von edlerem Styl Mararri genoß unterseinen Zeitgenossen allgemein den höchsten Ruhmund verdiente solchen auch wirklich, da er, nachseines Meisters Sacchi's Tode, unstreitig der beßteMaler war. Seine Zeichnung ist richtig im Nacken-den; nur spürt man, besonders an den Haupt-figuren, das Akademische zu sehr: Verhältnisse undCharaktere sind im übrigen wohlbedacht, meistensedel, vornehmlich an den Madonnen, welche oftdie einnehmendste Unschuld und Reinheit schmückt.Hierin kam dem Guido keiner so nahe als Mararri.Die Falten legte er zierlich, ebenfalls den Guidonachahmend, an; doch sind sie lockerer gehaltenund die Massen häufig unterbrochen. Licht undSchatten ist gewöhnlich gleichgültig, mehr zumBedürfniß gebraucht, als zu freyen Zwecken derKunst angewandt; daher dürfte es schwer halten,irgend ein Werk unsers Künstlers zu nennen, welchesauffallende Wirkung thut. Wohlangeordnete Grup-pen finden sich zuweilen bey ihm; hingegen kannkeiner von seinen Erfindungen ein ausgezeichnetpoetisches Verdienst zugestanden werden." BeyWareler und l'Evesque dann heißt es von ihm:» Er hatte eine korrekte Zeichnung; aber man merkt,daß er das Studium der Antiken vernachläßigt hatte(ganz unbegründet). Er ist reich in seiner Or-donnanz; aber, obschon seine ZusammensetzungAdel und Pracht hat, so hat sie hinwieder auchetwas Kaltes und Gesuchtes, und nichts, wasFlug des Genie's verräth. Sein Ausdruck ist an-enehm, aber schwach. Die Gesichtsbildungenoben Schönheit, und an Engeln und H. Jung-frauen etwas Grazie. Seine Manier ist groß undweit, aber bisweilen etwas weich, und die Formen«licht bestimmt genug; man findet Richtigkeit darin,

Maratti.

vermißt aber das Gefühl. Sein Styl ist fleißigOoixne), aber manierirt. Er mühete sich, dieKunst zu drappiren vollkommen zu verstehen; den-noch ist seine Bekleidung bisweilen plump, dieFrucht des Studiums, aber nicht frey von Affecta-tion. Von Reflexen hatte er wenig Kenntniß. SeinColorit ist öfters blöde, und giebt ins Grauliche;und vielleicht war Er es, der seine Nachfolger ver-führte, vollends ins Mehlichte zu verfallen (äsijonner <Zsns la farine). So nämlich im höher»Alter; früher war die Färbung seiner vorzüglichenWerke, lieblich, silberartig, und sogar kräftig.Immerhin ein achtungswürdiger Künstler, hattesein Geist wenig Stärke, und das, was er Großesbesaß, verdankte er seinen Beyspielen. Er wargeschickt, zu gefallen, aber nicht die Einbildungs-kraft durch höhere Schönheit zu beherrschen. Ihmmangelte ein origineller Charakter, und jene glück-liche Eingeistung, welche den Zuschauern die Be-wunderung zur Pflicht macht. Kurz, man erkenntin ihm einen sehr guten Maler, dessen Vorzüge abernur entlehnt sind, und. eben so wenig als seineFehler, etwas Auffallendes haben, und daß er seinenMustern in keinem Theil der Kunst gleichgekommensey. Er zog (sagt auch Reynolds) die größteParthie aus dem Maaß von Talent, welches ihmverliehen war; aber man kann nicht läugnen, daßer ein gewisses Schwergewicht besaß, das sich inErfindung, Zeichnung, Colorit und der allgemeinenWirkung seiner Werke, gleich äusserte." Das alteKönigl. Französ Kabinet besaß fünf Bilder von ihm.Auch inEandon's Annal. V. 11922. befindensich einige lesenswerthe Notizzen und Urtheile überunserü Künstler. Dort wird freylich seiner Repa-raturen im Vatikan und der Farnesina nicht mitgroßem Benfall gedacht; desto mehr seiner übrigenTalente: Seiner »»ermüdeten Arbeitsamkeit (inTurin und bey den Karthäusern zu Neapel sieht manvon ihm Altarblatter, die er in seinem Zwey undAchtzigsten verfertigte); seines liebenswürdigen,bescheidnen, von allem Eigennutz entfernten Moral-charakters, u. s. f. Neben den bisher von ihmangeführten vorzüglichen Gemälden, bemerkt Li'orillo l. c. noch das reizende Bild, welches beymEingänge der Peterskirchc in der Kapelle des Tauf-stcins aufgestellt ist; seine für Ludwig XIV. gemalteberühmte Daphne. die Bellor, in einem eigenenBrief beschrieben hat; und die vier Jahrszeiten,welche an König Carl ll. nach Spanien kamen,und in einem ganz besondern Geschmack behandeltseyn sollen. Für eines seiner schönsten Werke hieltMengs seine HH. St. Carolus und Jgnatius ineiner Kapelle der Chiesa nuova ; wir mochten seinerunbefleckten Empfängniß in St. Maria del Popolo (von.Dorigny mittelmäßig gestochen) der äusser-ordentlichen Begeisterung wegen, womit solche ge-dacht ist, vor allem Andern den Preiß zuerkennen.Eine andre seiner Madonnen hinwieder von demallereinfältigsten Reiz sieht man in einem Altarblatteder Kapelle della Conceptione in der Kirche St.Jsidoro. Vier und zwanzig seiner Arbeiten dann(darunter wenige von den obengenannten, über-haupt solche, die das Glück hatten, vorzüglicheStecher zu finden) hat Füßli (I. 253 - 7 -s.) mitunübertrcflicher Wahrheit geschildert; und, wasdie Stiche betrift, als vorzüglich schön genannt:Vor Allen eine H. Familie, wo St. Joseph demKinde einige abgepflückte Blumen bringt; von G.Edelink; dann eine andre (diejenige wo knieendeEngel dem Kinde die Leidensinstrumente in einemKörbchen reichen), von I. Smith geschabt (inguten Abdrücken äusserst selten); Maria, die dasKind lesen lehrt (nämlich das Blatt von Frey) vonwunderschöner edler Einfalt für Gemäld und Stich;Ebendieselbe die das schlafende Kind aufdeckt, undes der H. Catharina zeigt, von R. Strange; dieH. Cäcilia (te Oeum lauäsmus), von Ebendem-selben; St. Andreas der sein Kreuz segnet, wiedervon Frey; eine Galathea endlich mit ihrem Ge-folge, von I. Audran. Die übrigen Stecher,welche nach Maratti gearbeitet haben, sind, unsersWissens: F. u. P. Aquila, R. von Audenaert, Avril,