Band 
Zweyter Theil [2].
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1122
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Poehler.

richt in der mathematischen Zeichnung nahm undihm sein Zeichenbuch lieh, erhielt er den ersten Be-griff von Verjüngung des Maaßstabs, von derPerspektiv und mancherley nützlichen Kunstgriffen.Jetzt erst drang er in seinen Vater, ihm Unter-richt im Zeichnen geben zu lassen. Mit vielerMühe brachte er es endlich dahin, daß er beydem Bildhauer Weil zu Arnstadt eine Zeichnungs-stunde bekam.Allein dieser, ein sonst geschick-ter Künstler, anstatt seiner feurigen Lernbegierdegehörige Nahrung zu verschaffen, hielt ihn mitunbedeutenden Kleinigkeiten auf, die er schon inseiner Gewalt hatte, und gab ihm, vermuthlichweil er nicht Zeit (?) genug fand, sich hinlänglichmit ihm abzugeben, bloß Schnirkel und geschmack-lose Zierathen zu zeichnen". Nach einigen Wochenkehrte der arme Jüngling unwillig zu seinem Va-ter (damals auf der Graupenmühle bey Jchters-hausen) zurück. Inzwischen hatte er bey Meileinen Begriff von geschnitzter Arbeit bekommen,und etwas von der Art, sie zu schneiden, abge-merkt. Diese Kunstgattung schien ihm bequemerund angenehmer wie das Zeichnen, weil er ohneso viele Zurüstung zu jeder Zeit und Stunde,selbst auf dem Gpatziergange daran arbeiten konnte,und dann, wann er fertig war, mehr Befriedigungfür die Einbildungskraft, mehr Natur, Wahrheitund Vollkommenheit entdeckte, wie in der bloßenZeichnung". Er machte einen Versuch, welcherso ausfiel, daß er nicht zurückgeschreckt, sondernzu fernerm Fleiß ermuntert wurde. Um diese Zeithörte Herzog Friedrich III. von dem außerordent-lichen Talent des jungen Menschen, und befahlseinem Baumeister Strasburg , ihn zu sich zu neh-men,,, und etwas Rechtes aus ihm zu machen".Jener verlangte für Beköstigung und Unterhalti 5 o. Thlr. Der Herzog bewilligte sie; »allein dieKammer, welche Befehl hatte, sie auszuzahlen,machte so viele Schwierigkeiten, daß sich die Sachezerschlug", poehler ging jetzt neuerdings als Zim-mermaun und Mühlbursch auf die Wanderschaftund kehrte nach zwey Jahren zu seinem Vater zu-rück. Der Herzog anerbot sich auf's neue, ihndie Bildhauereyordentlich" erlernen zu lassen.Man schloß einen Vertrag mit dem BildhauerGeliert in Gtoß-Rcppach für 5 o. Thlr. Lehrgeld.Allein der Lehrling fand bald, zu seinem großenErstaunen, in seinem Meister nichts weiter alseinen elenden Stümper, der kaum werth war, einSteinhauer zu seyn, »hielt es für sündlich, denHerzog um 5 o. Thlr. und sich um drey Jahre zubringen", und kehrte nach Verlauf eines Monatswieder nach Haus Da ihm denn doch sein ursprüng-licher Beruf zuwider war, faßte er (17ZZ.), den Ent-schluß, unter die in Arnstadt stehnde Leibcompagniedes Fürsten von Schwarzburg zu treten, wo er inseinen Mußestunden seiner Lieblingsneigung unge-stört nachhangen könnte. Unter dieser Compagniebefand sich ein Schreiner, der allerley artige Sa-chen, und besonders künstliche Mausefallen zuverfertigen wußte, welche er dem Fürsten Gün-ther überreichte, und dafür, nebst demFürstlichenBeyfall", ein hübsches Geschenk erhielt. Beydesreizte poehlmann, auf ähnliche Weise sein Glückzu versuchen. Er verfertigteein Hirschgen u. a.Kleinigkeiten", die er dem Fürsten in die Händezu spielen wußte. Dieser,ein großer Kennerund Beschützer aller Wissenschaften und Künste",ließ ihn zu sich kommen, beschenkte ihn mit 12. Thlr.und bestellte einige aus Hirschweih' geschnittenePfeifenstopfer und Messerstiele bey ihm; die Fürstineinige Rahmen und Wildsiücke". Er kaufte sich nun-mehr Werkzeug, that keine Wachen mehr, sondernbezahlte sie und arbeitete nun mit unablaßigemFleiße. Große Aufmunterung erhielt er damalsvon dem geschickten Landschaftsmaler Thiele, alser, in dessen und des Fürsten Gegenwart, einenim Zimmer befindlichen Jagdhund mit Rothsteinso fertig und meisterhaft zeichnete, daß beydedarüber erstaunten. Der erste gab ihm hierauf

Poehler.

unentgeldlichen Unterricht; der zweyte versprach,ihn nach einiger Zeit auf die Akademie nach Dres­ den zu senden. Allein poehlmanns Freudedarüber wahrte nicht lange: Thiele wurde als Hof-maler nach Dresden berufen, und der Fürst wollteihn nicht entlassen, weil er fürchtete, der Königvon Pohlen würde einen so geschickten Mann fürsich behalten, und am Ende dürfte das Studiumder Natur und fortgesetzter eigener Fleiß wohl hin-reichend seyn, in seiner Kunstgattung ihn zu ver,vollkommnen (Wir glauben, auf Ehre! der Fürstmochte nicht ganz unrecht haben). Nur auf kurzeZeit wurde er noch bey dem Hofbildhauer Dörnrberg zu Sondershausen in die Lehre gethan; alleindieser gestand offenherzig, daß ein solcher Schü-ler wenig mehr bey ihm lernen könne. Jetzt nahmihn der Fürst förmlich in seine Dienste. Viergroße Zeichnungen, Jagdstücke nach I. H. Roos,die er eines Tags zu Gesicht bekam, machten einenaußerordentlichen Eindruck auf ihn; er studirte sieTag und Nacht, und wurde nicht müde, sie viel-mal , und auf verschiedene Weise nachzuzeichnen.Diese Blätter waren es. die seine ohnehin schonvorzügliche Neigung zu Thier - und Jagdstückennoch mehr bestärkten, und seinen Kunsteiser aufdieses einzige Fach einschränkten und festsetzten.Jetzt ließ ihn der Fürst eine große Partie.vondergleichen verfertigen, die er allen Fremden wies,und liebte seinen Künstler so sehr, daß er immerum ihn seyn und ihn überall hin begleiten mußte.Dafür schlug aber poehler mehrere sehr vortheil-hafte Anträge vom Auslande, namentlich aucheinen, nach England zu gehen, immer standhaftaus. Zum öftern ging er mit dein Fürsten aufdie Jagd, und dieß war für ihn eine unerschöpf-liche Quelle zu neuen Studien.Oft ließ er sichnicht verdrießen, einem Hirsch einen ganzen Mo-nat, mit der größten Beschwerlichkeit und Gefahr,zu gefallen zu gehn und ihn in einer einzigen Stel-lung oder Lage zu bemerken, und seine Fährdeauszumessen. Aber alle dieß Glück war von kur-zer Dauer; sein angebeteter Fürst starb". DessenNachfolger, Heinrich, dankte ihn zwar nicht ab;allein er bemerkte ihn auch weiter nicht, ermun-terte ihn nicht, und liebte seine Kunst nicht. Dießthat ihm so wehe, daß er seinen Abschied ver-langte und auch ohne Schwierigkeit erhielt. Derdamalige Herzog von Sachsen-Weimar , ErnstAugust, wandte zwar alles an, ihn in seine Dienstezu ziehen; allein da poehler glaubte, daß er niewieder einen so gütigen Herrn erhalten würde,als den er verloren hatte, so wollte er gar Kei-nem mehr dienen. Er zog »ach Arnstadt , undlebte da, so wie noch jetzt" (heißt es in dem, wiees scheint, 1781. oder 82. geschriebenen Aufsätze)ganz für sich im Stillen, und abgesondert vonallen Menschen, nach seinen eigenen Grillen*).Ohne von seinen Mitbürgern so, wie er es ver-dient, gekannt und geschätzt zu werden, strebt erauch nach keines Menschen Freundschaft oder Ach-tung, sondern ist sich selbst genug, mit sich selbstzufrieden, und bekümmert sich um die ganze mensch-liche Welt nicht. Wer ihn kennen lernen will,muß ihn suchen. Alsdann ist er gegen jedermanngefällig und höflich, ohne sich jedoch um Com-plimente oder Sitten der sogenannten feinen Welkzu bekümmern. Eben so wenig sind für ihn Mo-den in der Welt. Er trägt und kleidet sich zwarreinlich; allein gering, wie der gemeinste Hand-werksmann. Eben so einfach und patriarchalischist sein übriges Leben. Eine seiner Eigenheiten isthie, daß er bey niemand, so sehr man auch inihn dringen mag, einen Bissen ißt oder ei» GlasBier trinkt. Alles, was er annimmt, ist einePfeife Tabak und ein Glas Wasser. Seine steteBeschäftigung ist Arbeit in seiner Kunst, und seinVergnügen sind einsame Spatziergängc, und aufdenselben Nachspüren und Forschung der Wirkun-gen der Natur. Durch diese abgesonderte Lebens-art hat sein Umgang und seine Sprache etwas

*) Wie dieß mit dem Gothischen Hofkalenber eigentlich zn vergleichen sey, nach ivelckcm poeblmnnn in-7i5> als dortiger »Hof- Kunst- und Figuren-Gch,wider" angestellt worden, ist uns unbekannt.