Band 
Zweyter Theil [2].
Seite
1149
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Poussi n.

Poussiti. tt4g

Mittel, durch Zektgewinnst alle Schwierigkeiten zubesiegen, die sich seinem Ziele entgegenstellten. Umalle seine Tage nützlich anzuwenden bildete er sicheinen Plan seiner Studien; und in dem unermeßlichenKreise, den er umfassen wollte, um zu einer hohenVollkommenheit zu gelangen, wurde er für die Nach-kommenschaft zu einem Master der Kunst, wel-ches einzig ist. Von Jugend an gewöhnt, seineGedanken zu sammeln, und durch Ueberlegungreif werden zu lassen, schien ihm der Entwurf,seine erste Bildung ganz umzugießen, nichts Un-mögliches zu haben; sein Genie unterstützte seinenMuth, und er übertraf noch das Ziel, welcheser sich vorgesteckt hatte. In Italien erschien erzu einer Zeit, wo die Natur (nach dem Abgängeder Carracci ) sich zum zweytenmal erschöpft zuhaben schien; schon vernachlaßigten selbst ein Lan-franco und Berettini die wesentlichsten und unent-behrlichsten Theile der Kunst; den Triumph derTäuschung erhielt man nur durch Finoulerien derPraktik, und der Ausdruck schweifte in affektiereArtigkeiten aus. Der Himmel, welcher poussierunendliche Gaben verliehen, hatte in seine glück-liche Einbildungskraft auch den Typus des idea-len Schönen gesenkt; und mittlerweile die römi-schen Dilettanten sich in Faktionen theilten , umTalente zu vergöttern, welche auf Schwächungder ächten Kunst zielten, sah'man, unter der Handdieses genievollen Mannes, theils heroische, theilslandschaftliche (a^restes) Schönheiten entstehen ,welche die Seele seiner bessern Bewunderer miteinem zarten und tiefen Gefühl durchdrängen.Starke, lachende und erhabene Bilder übten derReihe nach seinen Pinsel, um Darstellungen zu schaf-fen, worin man das menschliche Herz in allen feinenFalten, und eine wahre Nachahmung dessen fand,was die Natur in ihrer unermeßlichen Mannig-faltigkeit nur immer darbieten kann. Schon mehrals auf der Mitte seiner sich selbst geschaffenenhohen Laufbahn, faßte er noch Raphaels unsterb-lichen Ruhm ins Auge und erhob sich zu demsel-ben, wie ein Adler, empor. Gemälde, selbst dievon ihm bewundertesien, copirte er nie, und hieltes für besser, solche bloß fleißig zu betrachten undreiflich darüber nachzudenken. Vollends trachteteer, selbst die erhabenen Schönheiten der Antikezu «reichen, und war unter den Neuern der Ein-zige, der den Styl derselben gänzlich beybehielt,ohne daß die Denkart und Sitten seines Jahr-hunderts jemals das reine Gewässer, welches eraus jenen Quellen schöpfte, trüben konnte". Vor-züglich genau verband er sich zu dem Ende mitAlgardi und Fiamingo, maß und studirte mitihnen die Werke der alten Sculptur *), und zu-gleich die große und schöne Natur, worin sie auf-gestellt waren, in allen ihren, bald reihenden,bald furchtbaren Scenen". ^Namentlich auch die-ser letztere Gesichtspunkt wird von Gaule de St.Germall» l. c. G. » 4» 5 . treflich ausgebildet):»Denn welcher Landschaftsmaler hat besser, wiepoussin, physische mit sittlichen Wahrheiten zuverbinden gewußt. Seine Arbeiten dieser Gattungsind für kurze Abrisse des großen Werks der irdi-dischen Schöpfung zu achten, worin man denMenschen mit seinen Tuenden und Lastern, sei-nem Glück und seinem Nichts abgebildet findet".Noch als Greisen sah' ihn vigneul de LTlarvillebald an den schönen Ufern der Tiber , bald unterden Ruinen des alten Roms lustwandeln, allesin sein Portefeuille eintragen, was er nach seinemGeschmacke fand, und in seinem SchnupftucheSteine, Moos und Blumen nach Hause tragen,wenn er dergleichen nach der Natur malen wollte;und als ihn jener eines Tags fragte: Wie erwohl zu einer solchen Stuffe der Kunst gelangetsey, erhielt er den (man möchte sagen erhabeneinfachen) Bescheid: »Weil er nichts für geringgeschätzt habe". (sse n'ai rien nexlißö).

oi'/uLt. et cie ütterat. karls 722. H. 162.).

So wenig ist der tropfschlägige Wahn begründet,daß über dem unaufhörlichen Studium der Altendie Natur von ihm sey vernachläßigt worden.Die Optik und Perspektive verstand er so gut, daßman lange glaubte, er habe eine» Traktat vomLicht und Schatten geschrieben. Diese Wissen-schaft leitete ihn auf die Architektur. Wie ihmbesonders die erstere bey seinen historischen Com-positionen zu statten kam, ist jedermann bekannt.Und eben so die Anatomie, welche er, an der Seiteeines Wundarztes (Larcheo), aus den Schriftendes Vesalius gelernt hatte Unter den neuerngroßen Lichtern der Kunst war er keinem Mit blin-der Vorliebe zugethan; aber sein reiner Geschmackgab z. B. dem ausdruckvollen Dominichino vordem bloß graziösen Guido entschieden den Vor-zug, und er war es, welcher die herrliche Com,munion des St. Hieronymus wieder aus dem Winkelrettete, worein eine Kunstclique dieselbe gestellt hatte.Neben der Verklärung vonRaphael und der Kreuzes-abnahme des Daniel von Volterra nannte er im-mer auch jene, als die drey schönsten Bilder in Rom ;von Carravaggio hingegen pflegte er zu sagen: Daßderselbe auf die Welt gekommen sey, um der Ma-lerey den Garaus machen. Titian wußte er für seintrefliches Colorit so gut zu bewundern als Einer, undsuchte dasselbe nachzuahmen, was ihm aber freylichselten genug gelang, da er, wie er selbst bekannte,sich immer fürchtete,über dem Reitzen jenes Kunst-theils die Nothwendigkeit eines andern" (der durch-aus reinen Zeichnung) zu verlieren". Unter seinenvorzüglichsten Werken nennt G d S- G. (wohlmit vollem Recht) seinen zu den Megarcnsern ge-retteten jungen Pyrrhus; seine Sündfluth; dieJsraeliten in der Wüste; die letzte Oelung, dasTestament des Eudamidas, und den Tod deckGermanicus . Dann folgt ein Wort von seinerGelehrsamkeit; wie er Uebersetzungen aus denAlten bloß zu seinem Unterricht gemacht; zuerstdie schwer zu lesenden und rückwärts geschriebe-nen Manuscripte von da Vinci entziefcrt, dessel-ben Werk von der Malerey ans Licht gebracht,und mit erklärenden Figuren bereichert habe; wieihm dies Alles die vertrauteste Freundschaft desCavaliers Del Pvzzo erwarb, der allen seinenWünschen zuvorkam, ihm die seltensten Kunst -und Bücherschätze öffnete, überall zu seinem Prei-se sprach, und seine äußern Glücksumstände mitder zartesten Hand sicherte den er aber hinwie-der dankbar mit Meisterstücken lohnte, welche dieGroßmuth seines Wohlthäters richtig ausgewo-gen. Ueberhaupr aber suchte in Rom alles, wasGelehrter oder Künstler war, seinen Umgang, undmeist seinen Unterricht; daher war er auch in Ge-sellschaft der höchsten Skandöpersonen niemalsverlegen; die Zierlichkeit seiner Sprache und dieHoheit seiner Gedanken schien ihn noch über ih-ren Rang hinauszusetzen. Seine Meinung überalles, was in seinen mannigfaltigen Sphärenlag, wo er darüber befragt wurde, gab er, ohnesich köstlich zu machen, mit anständiger Freyheitund vieler Anmuth. Uebrigens war er ungemeinklug im Reden und Handeln; und, von Naturetwas zurückhaltend, öffnete er sich gewöhnlichnur seinen vertrautesten Freunden. In einemzweyten Abschnitte seiner Biographie erzählt unsG. d. St. G. die ehrenvolle Weise, wie unserKünstler (i8Zg.) nach Frankreich zurückberufen,und zum ersten kvnigl. Maler ernannt wurde, undbelegt seine Erzählung mit (wirklich lesenswer-then) Urkunden. Der Staatssecretair de Noyersund der Kardinal Richelieu umarmten ihn beyseinem ersten Besuche. Nach einer halbstündigenAudienz bey dem Könige, wandte sich der Mo-narch zu den umstehenden Höflingen, lustig ge-nug, mit dem Ausrufe: Voll» dien st-

rrspe. Bey seiner Rückkehr nach Fontainebleau (wo man ihm die angenehmste Wohnung, ganzmeubiirt, und einstweilen mit aller ersten Norh-

*) Einige behaupten sogar, daß er in Rom mehr mvdellirt als gemalt habe. Und überhaupt weißt man, daß ergewöhnlich einen Gegenstand, den er malen wollte, zuerst in ein Relief gebracht, solches in ein kleines Getönseingeschlossen, und durch wohlangebrachte Oeffnnngen die Effekte beobachtete