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und Schattenspiele, Gruppen von Figuren, Drap-pirungen, Waffe» und Werkzeuge der Alten u. s.f. — Konnte er sich über Armuth beklagen,wenn er so jeden Tag unter sein bescheidenesDach mit neuen Schaken zurückkam, die er zuden bereits erworbenen legte? So mancher Un-verständige mußte ihn für unglücklich halten, mitt-lerweile jeder seiner Augenblicke ein hoher Ge-nuß war". Von seiner Kunstcharaktcristik heißtes dann: „Obschon es leicht ist, die Werke- dieses Künstlers von denen aller Andern zu un-terscheiden, so war er deswegen nicht minder be-müht, in Absicht auf Manier und Ton mannig-faltig zu seyn, und pflegte daher, je nach Maaß-gabe seiner Gegenstände und des Eindrucks dener machen wollte, sich einer festem oder weichernTusche, einer Hellern oder finsterern Tinte, einerlachendem oder wildern Lage (in den Hinter-gründen seiner Landschaften), eines breitem odergeschloßnem Lichtes zu bediene». Er wandte aufdie Malerey die Theorie der verschiedenen Ton-arten an, welche die Griechen in die Musik ein-geführt hatten: Die dorische für ernste undgewichtige Empfindungen, die Phrygische fürheftige Leidenschaften, die Lydische für sanfteund angenehme Regungen, die Ionische für Fe-ste, Bacchanale und Tänze. Dies sagt er unsselber in einem seiner Briefe. Aber wenn ihmgleich Mannigfaltigkeit in den Gegenständen undder Art sie zu behandeln, gefiel, so hielt er's da-gegen für etwas seines Pinsels ganz unwürdi-ges, dergleichen zu wählen, denen es an Adelgebrach. So groß sich auch manche andre Künst-ler in diesem oder jenen Theil der Kunst gezeigthaben, so glauben wir doch nicht, daß die Bil-der irgend eines de» selben so tiefen Eindruck inder Seele des Beschauers zurücklassen, als dieseinigen. Man darf nnr einmal sein Testamentdes Eudamidas, den Tod des Germaniens, odersein Arcadien gesehen haben, und man wird ihrerstets eingedenk seyn, und sich bey jeder Erinne-rung aufs neue gerührt, und zu tiefen Betrach-tungen darüber veranlaßt finden. Auch war essein steter Zweck, und was er für den Zweck derKunst selber hielt: Zu der Seele zu sprechen.Man darf sogar behaupten, daß dieser Grundsatzihn verleitet habe, zwar nicht das Kolorit, denner hatte dasjenige, was seinem Objeet angemes-sen war, aber doch ein anlockendes Kolorit —zu vernachlässigen, weil er immer besorgte, durcheine bloß vorübergehende Belustigung der Augendie Empfindung und das Nachdenken zu zer-streuen; war doch sein Vorsatz, zu fesseln, nichtzu glänzen. Ich siehe sogar nicht an, zu glau-ben, daß dies so oft getadelte Kolorit unsersKünstlers zum Theil mit die Ursache jenes tiefenund bleibenden Eindruckes sey, welchen seine Bil-der auf die Seele machen. Denn, wenn es wahrist, was wohl jeder an sich selbst beobachtenkann, daß ein großer äußerer Schimmer der in-nern Geistessammlung hinderlich wird, so mußman auch gestehen, daß kein anderer so gut wiepoußm die Pflicht des Malers erkannt habe,der sich jeden noch so schönen Vortheil, zu ge-fallen, bloß als Mittel zum Unterricht vorsetzensoll. Noch mehr: Man darf nicht glauben, daßer deswegen eine Unwahrheit gegen die Naturbeging, wenn er einen Schimmer vermied, derseinem Hauptabsehen schaden konnte. Er hattebeobachtet, daß die Carnation ihre ganze Frische,und die Farben überhaupt ihre ganze Lebhaftig-keit nur alsdann behalten, wenn man sie bey derNähe besieht, in der Entfernung hingegen alj-mäljg matt und gedämpft werden; daß also diesvielmehr eine Untreue an der Natur begehenheiße, wenn der Maler, um den Augen mehr alsder Natur zu fröhnen, entfernten Gegenständendenselben Schimmer, wie den nähern giebt. Undso gebührt poußin die Ehre, eben dadurch, daßer alle seinem weisen Hauptzwecke zuwiderlaufen-de Coquetterie verwarf, zugleich der Wahrheittreu geblieben zu seyn. Hat er die Venekianer
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in ihren großen Schattens und Lichtitiassen nichtimmer nachgeahmt, so geschah es wohl deswe-gen, weil er glaubte, daß die Kunst der Naturnicht in solchen Erscheinungen am öftersten nach-folgen dürfe, worin sie sich selbst am seltenstenzeigt. Somit dachte er, daß, ohne zu jenemKunstgriffe seine Zuflucht zu nehmen, sich Mittelgenug fanden, durch Abstufung der Farben, undDazwischensteüung verhältnißmäßiger Luftmassen,seine Gegenstände gehörig zu sondern. SeinemHauptgrundsatze unverbrüchlich getreu, den Be-schauer vielmehr auf Gcdankensammlung als aufZerstreuung zu leiten, stellte hiernachst Ooußinin seinen Compositionen nnr großen, edeln undeinfachen Reichthum, grandiose Architekturmassen,und keinerlei Details-Zierrathcn dar; eine präch-tige Landschaft, keine Lustgarten; Würde ankün-digende Drapperien, keinen eiteln Putz. Daßsich etwa au seiner Drapperie zu viele Faltenfinden mochten, brauchen wir nicht zu läugncn.Wenn nun dieser Künstler keinen andern Neuerngliech, so wollte er sich in der That auch mitkeinen, derselben in Vergleichung setzen. DieKunst der Alten war überall sein Vorbild; ihreDenkart, ihre Grundsätze waren die seinigen.Wir sind weit entfernt, diejenigen Vorzüge her-unterzusetzen, welche die Neuern wirklich in eini-gen Theilen der Malerey vor den Alten voraushaben mögen; aber wenn man die Tiefe desUrtheils erwiegt, welche namentlich die Griechenin alle demjenigen zeigten, worin wir sie z» be-urtheilen im Stand sind, so ist man geneigt zuglauben, daß Schönheiten, die sie von ihrerWahl ausgeschlossen, zu den niedrigern gehören,die, nach ihrem Sinn, dem Hauptzwecke ihrerDarstellungen bloß schaden konnten". — Undnun der neuere Tarlasson (S. 90— 10Z.) fängtdamit an, zu bemerken: „Wäre poußm in sei-nem Vierzigsten gestorben, so hätte man kaumseinen Namen genannt. Als er aber jetzt zu Rom sei-nen festen Sitz nahm, und sich ganz seiner Leiden-schaft für die Kunst überlassen konnte, hinderte ihnnichts, seinem seltenen Talent die vollste Reise zugeben; weder Kränklichkeit, noch Geldliebe, nochEhrgeitz, noch ermüdender Weltwirbel zerstreutenihn. Einsam bey einer langen Lebensdauer, aufder seinem Zweck günstigsten Stelle des Erdbo-dens, verfolgte er diese» Zweck »»verrückt: Herr-liche Bilder zu liefern".^ Dann: „Er war unterallen Malern der verständigste, und einer dergelehrtesten. Seine Werke sind gedankenvoll, undje mehr Würde und Hoheit der Seele man hat,desto mehr fühlt man seinen Sinn, und giebt erhinwieder uns zu neuen Gedanken Anlaß. Erversetzt uns, wie keiner, in die Zeit seiner Ge-genstände, und gleicht, mehr als alle übrigenneuern Künstler, den alten. Seine Zeichnungträgt den Charakter von Größe und Ernst; undes ist ein abgedroschner Vorwurf, daß solchemehr das Studium nach dem Stein als nachder Natur verrathe. Seine Figuren bewegen sichund leben; aber sie trage» zugleich die Physiog-nomie des Alterthums; und eben dies machtihre Originalität aus. Nicht selten vereinte ermit Größe und Schönheit so gar Grazie, aberfreylich eine ernste und weise, welche die Sinnennicht zur Wollust einlädt, aber der Seele gefällt.Seine Frauenbilder haben immer ein Ansehnvon Höhe und Tugend, das nicht Reiz, aberEhrfurcht für sie erweckt Wem seine Gemäldegefallen, der ist sicher kein Kleinmeister, kein Wüst«ling, und kein Thor. Den Ausdruck besaß er inhohem Grad; aber die Energie desselben opferteer nicht selten dem Adel und der Schönheit auf,und schien zu fürchten, seinen Personen etwasan Würde zu vergeben, wenn er sie von starkenLeidenschaften verstört oder gepeinigt darstellenwürde; sie scheinen ihre Empfindungen nicht zuunterdrücken, aber doch zn beherrsche». SeineZusammensetzungen haben nicht die naive Reg-samkeit, wie Raphaels; sie sind einzig die Fruchttiefer Ueberlegung, und gefallen eben dadurch,