nzr Pottssin.
daß darin nichts durch bloßen Zufall erscheint.Hier hat ein ernster und großer Geschmack Allesausgespendet; aber je mehr man es ansteht, je weni-ger kann man sich davon losreißen, je mehr erwecktes Bewundrung und selbst Enthusiasmus. Wennseine Drapperie nicht immer die glücklichste ist,so find seine Gewänder doch wahr und schöngefaltet. Das Costume beobachtete er nicht fa-natisch sklavisch, aber doch richtig. Sein Koloritwar stets kräftig, wenig gewöhnlich, und voll-kommen dem Ernst seines Styls angemessen; bis-weilen sogar, was Wenige glauben, sehr schön;doch immer so, daß man nie vergaß, wie er mehrdem Geist als den Augen gefallen wollte. DieIsraeliten stellte er unter allen Völkern des Al-terthums am beßten dar; vielleicht, daß er so-gar auch allen Andern etwas von ihrer strengenEinfalt gab. Man sieht wenig große Arbeitenvon ihm, weil er selten dazu Anlaß fand; aberseine von der Zeit emporgetragne Wahrheit, undsein St. Laver, der eine junge Japaneserin wiederinskeben ruft, beweisen, daß er auch weite Raume mitdem Reichthum seiner Gedanken füllen konnte, sowie hinwieder seine Bilder von mittlern! Maaß-fiabe durch die Magie seiner Kunst größer er-schienen. Er hatte verschiedene Manieren, auszu-malen, welche er je nach dem Gegenstand wech-selte; gewöhnlich aber war sein Pinsel mehr festund kühn, als sanft und markigt. Sein Mannain der Wüste gehört in Absicht auf Vollendungzu seinem Beßten, so wie es überhaupt eines sei-ner bewundernswürdigsten Werke ist". Dannfolgt ein — ordentlicher Schrey von Ausruf m erseine zum — Feind (aus der Galerie Orleans nachEngland) gewanderten sieben Sakramente: Dieseseine Meisterstücke, so anziehend und so neu, vonso erhabnen und originellen Gedanken, und soschönem Ausdrucke; welche heilige Gebrauchemit so ernster Einfalt und mit so feyerlicher Rüh-rung darstellen. Hiernachsi, wer kennt nicht we-nigstens vom Rufe jene andern, welche so ganzdie Physiognomie seines Genie tragen: Bor allen sein Testament des Eudamidas, seine Ohn-macht der Königin Esther , die Pest der Philister,Moses dem Nil ausgesetzt, den Raub der Sabi-nerinnen; sein Grabmal in Arcadien, und jeneso poetisch edeln Jahrszeiten, die bey einem In-strumente tanzen, welches die Zeit selber spielt (?),mitlerweile ein Kind, die Sanduhr in der Hand,ihre schnellen Minuten zählt; ein andres Seifen-blasen steigen laßt, und — oben am Himmel dievon den Stunden geleitete Sonne ihre ewigeBahn lauft". (Sollte das Alles sich — wirklichzusammen reimen?). Bey keinem Maler dannfinden sich so schöne Hintergründe. Und wiekonnte es bey ihm, der so in Architektur undPerspectiv bewandert, vornehmlich aber ein ebenso großer und origineller Landschafts - als Ge-schichtsmaler war, anders seyn? Hat doch eben-falls kein Andrer die erstere Gattung unter ediernund heroischem Formen, als er, geliefert! Wel-che Majestät in den Bauten, womit er seineFelder, Anger und Gehölze bereicherte; jene schö-nen stillen Reviere, wo Helden und Weife gernaus dem Weltgetümmel ihre Zuflucht suchen, woman nur edle und große Gedanken nähren kann,(und welche jetzt noch bey dem Beschauer der-gleichen erwecken-. „Auch in allen diesen Bil-dern , welche anziehende Mannigfaltigkeit in denStassirungen! Hier Phocions Leichnam, denman schimpflich aus seiner undankbaren Stadtträgt, deren Liebe, Stolz und Schild er einstwar; dort die Frau von Megara, welche die ver-wesenden Gebeine dieses erlauchten Bürgers mitsich nach Haus trägt, und so viel Stoff zu Be-trachtungen über Volksgunst, hohes Glück undselbst über — hohe Tugend darbietet. In seinemirdischen Paradies, wie er da die Natur in demGlanz ihres zahllosen Reichthums, und zugleichin dem Glück ihrer jungfräulichen Unschuld dar-stellt; und hinwieder die Schrecken seiner berühm-ten Süiidflukh! Dann aus der Fabel seine»
Poussiu.
Polyphem und Galathee; oder seinen Orpheus,der, mittlerweile er die Nymphen des Waldsmit seiner Leyer entzückt, nicht gewahr wird, wieseine geliebte Eurydice von einer Schlange verwun-det wird, u. s. f. u. f. — Ueberhaupt aber, welcherMaler hat, wie Er, bewiesen, daß es einzig dieSeele ist, welche zum ersten Rang in der Kunsterhebt, und daß die noch so geschickte bloßeHand bisweilen ein fast unnützes Werkzeug sey»kaun ". — Und nun unser deutscher J'/orillo (lll.iZZ — 55 .) giebt vörderst, was das historische be-trifft. auch Noel Jouvenet, gleich nach Q. Bä-rin, für einen von poußin'e frühern Lehrern an.Dann beschreibt er seine Schicksale und Arbeitenwährend seinem ersten Aufenthalt in Rom , haupt-sächlich die für den Ritter del Pozzo verfertigtensieben Sakramente, welche späterhin in-dasHaus Boccapaduli kamen, und von denjenigenwohl zu unterscheiden sind, die er nachher fürden H. von Chantelou malte, worin er sein The-ma auf eine andre Weise behandelt, und welche,wie wir gleich oben vernommen, sich gegenwärtigin England befinden. Nun folgt seine Anstel-lung im Vaterland, und Auszüge aus Briefenan seine Freunde nach Rom , welche (wir habenoben ein Beyspiel gesehen) man möchte sage»ordentlich in Winkelmannü Geiste geschrieben sind,und beweisen, wie er gleich anfangs (auch ohneRücksicht auf jene Händel, welche ihm VouelSSchule erweckte - daö damalige Frankreich nichtfür den Boden hielt, wo ächte Kunst gediehenkonnte; die Gründe dafür entwickelt FiorilloI. o. 1^2 — 43.) sehr gut, so wie er, gleich gründ-lich, anderwärts (I. rg 5 .) bemerkt, daß ein dengestalt an Raphael, Dominichino und den An-tiken genährter Geist hinwieder auf die Erneue-rung eines bester» Kunstgeschmacks in Rom , sei-nes langen dortigen Aufenthalts ungeachtet, eben-falls nicht den mindesten Einfluß gewinnen mochte.Aus Hofcitelkeit hatte man den berühmten Mannnach Haus verschrieben, wo man aber bereits voneinem Künstler vollends nu. Augenweide foderre,welche freylich der Figuren- und Farbenpomp derluxemburgischen Galerie von Rubens und die Phan-tasiebilder der Vouct, Blanchard u. a. weit reicher,als Ooufll'ns Einfalt gewähren konnte. Dazu kam(meint F.), daß er seine Gegenstände nur in halberNa-turgröße bloß in Oel ausführte, und dadurch die Ge-legenheit einbüßte, sich zu einer gewissen grandio-sen, für weitläuftige Werke passenden Behandlungzu erheben" (was aber, unsers Ermessens, genaue-rer Bestimmung bedürfte; und noch weit mehr Fol-gendes): „Er war Meister in der Jvealisirkunst,aber wußte und konnte sie nicht mit dem Mecha-nischen vereinigen. Sein Colorit war ferner welk,und ohne Energie; denn er hielt nur den Aus-druck, Gedankenfülle, Richtigkeit der Zeichnungund genaue Beobachtung des antiken Costums fürdie Grundcharaktere der Kunst, und ist auch, wasletzteres betrift, unter den neuern klassisch geblie-ben". — „Da es ihm also überhaupt an derjeni-gen Fertigkeit mangelte, welche zu Ausführunggroßer, blendender Frescomalereyen an Gewölben,Kuppeln u. s. f. erforderlich ist j so konnte er inFrankreich höchstens auf den Beyfall weniger äch-ter Kunstrichter, nicht aber auf die Gunst einesHofes rechnen, der sich nur an weitläufigen, schim-mernden , nach der Laune des Monarchen schnellemporsteigenden Unternehmungen ergötzte, und ihndaher in der Meinung, als hatte ihm die Naturdas Talent zu etwas Großem versagt, bloß mitKleinigkeiten beschäftigte. Diese Unfähigkeit, dasGeistige seiner Werke zu fühlen, erhielt sich selbstnoch während der Regentschaft nach dem TodeLudwig Xlll. und unter der Regierung seines(groß genannten) Nachfolgers; denn weder jenenach dieser riefen iOoussin, nachdem er zum zwey-tenmal nach Italien ging, wieder ernstlicy von dortzurück; und wenn ihm Ludwig XiV. erlaubre, sei-nen Gehalt in Rom zu verzehren, so geschah esmehr aus jener beßtbekannren Sucht, für einen(allgemeinen) Beschützer der Künste gehalten zu