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hielt. Lanzi II. 458 . beschreibt den damaligen herr-schenden Styl der italienischen Schulen, die sichalle darin glichen, so: „Sie hatten überhaupt —gar keinen in die Augen fallenden Charakter; we-der schöne Ebenmaaße, noch Leben im Ausdrucke,noch Anmuth in der Färbung. Alles ist bey ihnenmatt; und selbst die Nachahmung ihrer bessernVorgänger mißfallt uns an ihnen, weil solcheins Längliche, Kleinliche, kurz ins Unverständigefällt". So auch die mehrern Arbeiten unsersjüngern Herkules, der sich freylich bisweilen,wo er Fleiß anwandte, wie z. B. in einer Him-melfahrt zu St. Maggiore in Bergamo , auf eineungewöhnliche Höhe erhebt und dort Grandiofität,Geist und wirkliche Nachahmung des Styls vonCorreggio zeigt. Neben dem weißt man, daß ermit seinem Talent für Musik, seinem Ruf vonRechtschaffenheit, und vermittelst des Ruhms seinerVorfahren, zu einer Achtung gelangte, den er sichselbst, als Maler, sonst nie erworben hätte; daßer daher Schüler in Menge an sich zog, die inseinem Haus nach dem Nackten zeichneten u. s. f.Daß er endlich, wenn nicht so gründlich, wieseine Oheime, doch eben so schnell, wie sie, ar-beitete, und daß daher seine Werke in den beßtenGalerien zu Mailand erscheinen, wo solche nochheut zu Tage, wenn nicht eben gesucht, doch auchnicht daraus verbannt werden, /.aur-i l. c. Auchzu Turin sollen schöne Arbeiten von ihm vorhan-den seyn.
* Orocaccini (Jul.Cäsar),desalrernHer-kules zweyter Sohn. Derselbe war unter den pro-cac- ini der Vorzüglichste. Nachdem er die Sculp-tur einige Zeit mit vielem Lob geübt hatte, wandteer sich zu der Malerey, als der freyern und min-der mühsamen Kunst. Zu dem Ende besuchte erdie Schule der Carracci . Ein Spitzwort vonHannibal soll ihn so gereizt haben, daß er ihnverwundete (a. Ii. ihm eine — Ohrfeige gab).Am meisten studirte er nach Correggio , und Viele,(auch die Schrift winkelmann u. s. Jahrh.S. 167.) halten dafür, daß Keiner sich dem gros-sen Styl so sehr genähert habe, wie Er. InStaffeleygemälden, oder sonst Bildern von weni-gen Figuren, wurde er oft mit seinem Urbildsverwechselt, obschon freylich seine Grazie nicht soangeboren und rein, noch sein Colorit so kräftig,wie Allegri's war. Eine seiner Madonnen in St.Ludwig zu Rom wurde vor 20. I. von einem wa-ckern Künstler für einen Correggio gestochen. Ebenso ähnlich sieht diesem eines seiner Altarblätcer:Die H. Mutter mit dem Kinde, und Engelchenund Heilige, die es anlächeln, und so liebkosen,daß dabey fast, der Anmuth zu gefallen, der An-stand überschritten wird. Dasselbe ist der Fall inseiner Verkündigung bey St' Anton zu Mailand ,wo die H. Jungfrau und der Engel gegen einan-der gar zu schön thun. Auch im Ausdrucke fieler bisweilen ins Uebertriebene; wie z.B. in seinemMartyrlhum des H. Nazarius, in der Kirche die-ses Namens, ein Bild sonst voll Grazie und Har-monie, wo aber der Scharfrichter eine auffallendgezwungene Bewegung macht. Orocaccini hin-terließ daneben mehrere sehr weitschjchtige Werke.So seinen Durchgang durchs rothe Meer in St.Viktor zu Mailand , und noch mehrere zu Genua ,welche Soprani anführt; und, was bey so vielArbeit rm so viel mehr in Erstaunen setzt, so warer doch immer genau in der Zeichnung, mannig-faltig in der Erfindung, wohl überdacht im Nack-ten und in der Bekleidung, und das Ganze injenem großen Styl, den er entweder den Carraccioder dann eben der Quelle zu Parma , aus wel-cher auch diese geschöpft, zu verdanken hatte; wasbesonders in seinem Altarblatt von erhabener Schön-heit in Santa Maria di Sarono zu bemerken ist,welches die HH. Andreas, Carl und Ambrostusdarstellt. La»r:r II. 447 — 49 - Nach Genua ginger erst (1618.) in hohem Alter und fand dort anCarl Doria einen großen Gönner. FioriHo II.4Z1. der von ihm noch, neben den schon erwähn-
Prochaska.
ten Arbeiten zu Mailand , eine Anbetung der Kö-nige in der Kirche del Giordano, und eine gemar-terte Heilige in dem Bischöfl. Pallaste anführt,und in Absicht auf den Charakter seiner Kunst,neben Anderm, bemerkt: „Er würde bewunderns-würdige Dinge geleistet haben, wenn er die Naturmehr zu Rath gezogen hätte; aber nur dann wandteer sich an dieselbe, wenn er einmal das zu starklodernde Feuer seiner Phantasie dämpfen wollte"(konnte). — Nach Füßli's Urtheil (II. 120-21.)bildete er sich durch die Betrachtung der beßtenWerke der lombardischen, venezianischen und römi-schen Schule eine eigene, weniger auffallende undkühne, aber mehr überdachte und der Wahrheitgetreuere Manier, als jene seines Bruders Ca-millo war. „Seine Compositionen" (heißt esdann weiter) „ sind sinnreich und mit vieler Ueherle-gung geordnet; die Zeichnung ist edler, leichterund richtiger als die seines Bruders; die Charak-tere der Köpfe sind frey und anmuthig, sein Co-lorit stark, und das Helldunkel wußte er mit be-sonderer Geschicklichkeit anzuwenden". — Woherdann im Gegentheil Rost lll. 2Z1. wissen will,daß er nicht den Geist seines Bruders Ca-millo hatte, ist uns unbekannt. Das Museumzu Paris besitzt von ihm: Einen Martyrtod desH. Sebastian, der sich in Landon's Zsnnal.II. 148—49. beschrieben und im Umrisse abgebil-det findet, und von welchem es dort heißt: „DieZeichnung ist schon, groß und richtig; die Stel-lung der Hauptfigur natürlich; an den Engelnhingegen vermißt man das Idealische höherer We-sen, und in ihrer Theilnahme an den Leiden desMärtyrers könnte mehrerer (vielmehr edlerer) Aus-druck herrschen". Ob eine H. Familie, ebenfallsim Museum Napoleon , welche I. R. V. Mas-sard für das I>. Heft des bekannten Prachtwerksgezeichnet nnd Henriquez gestochen hat, unsermJul. Cäsar, oder einem andern seiner Familiezugehöre, ist uns unbekannt. In deutschen Ga-lerien befinden sich, unsers Wissens, einzig: Inderjenigen zu München eine H, Familie, woder kleine Johannes den rechten Fuß des Kindesin der Hand hält, fast Lebensgröße. Zu Sans-soucy die Ehebrecherin. Zu Dresden eine an-dere H. Familie und eine von einem Manne ge-waltthätig entführte Frau Eine andere verwun-dere Mannsperson liegt zu ihren Füßen. Hage-dorn , der diese Bilder beschreibt, sagt, nebenAnderm, von unserm Künstler: Auch ein wenigEifersucht gegen seinen Bruder, der mehr mit sei-nem Pinsel, als als er mit dem Meißel verdiente,habe ikn zur Malerey gewandt; so wie er auchnachwerts, fast mit Affekration, sich einen vonCamillo's verschiedenen Stnl gebildet habe. Dann,daß er sich in Absicht auf die Bewegungen, die erseinen Figuren gab, Tintoret zu seinem Vorbildgewählt u. dgl. Gestochen nach ihm kennt mannur Weniges: Die H. Familie in Dresden , vonI Camerata, welche auch Füg!, II. 12 l. nennt,und eben dieselbe von der Gegenseite, von Wan-delaer; die Ehebrecherin, zu Ganssoucy, von G.Seutter; eine Anbetung der Hirten, wo Josephauf das Kind mit dem Finger weis t, von P.Landry, unverständig von diesem mit: N. Uar-cacine p. unterzeichnet; ein Diogenes, von C.Maratta, und etwas uns Unbekanntes von Dilla-mena. Er selbst hat eine kleine Madonna geätzt.
prochaska (Georg), Kais. Königl. Nieder-Oestreichischer Regierungsrath, Dr. der Medizinund Professor der Anatomie und Physik bey derUniversität zu Wien , geb. zu kispitz in Mähren 17)9 malte auch in Oel und besaß große Fertig-keiten in der Musik. Don ihm, als Schriftsteller,s. das Gelehrte Deutschland . Mensel HI.R. L. 1809. führt ihn unter den Lebenden an.Ob er derselbe prochaska sey, der irgendwo alsein vorzüglicher Geschichte. - und Landschaftsma-ler zu Prag um 1802. angeführt wird, ist unsunbekannt.