Band 
Zweyter Theil [2].
Seite
1238
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I2Z8 Rembrandt.

seinem Vater sehr ärmlich lebte, und mit einemHering oder einem Stück Käse Mittagsmahlzeithielt, so viel man wisse, nicht reich gestorben sey;was übrigens von Andern völlig widersprochenWird. Dercampr l. c. 85 go. Und nun hörenwir etliche Urtheile über unsern Künstler an. Vör-decst eben Descamps, der so viele seiner bedeu-tendsten Werke aus vielfältiger Anschauung kannte.Alles" (heißt es da in Substanz)was Rem-brandr componirt hat, ist ohne Adel, und zeugtwohl von einem feurigen Genie, das aber nie zueiner gewissen Höhe zu steigen vermochte. Wenner sich etwa, zur größten Seltenheit, einmal derSchönheit näherte, so geschah es weniger ausUeberlegung, als durch Zufall, wenn die Natur,der er Schritt vor Schritt folgte, ihm einen beson-ders schönen Gegenstand darbot. Am meisten ge-lang ihm daher das Bildniß. Glaube man nurnicht, daß, weil er Rom nicht gesehen, er deswe-gen die großen Meister Italiens , von denen ja diedamaligen Kunstsammlungen seines Vaterlands er-füllt waren, nicht gekannt hätte; wohl bewunderteer sie sogar, ohne aus ihrer Anschauung den ge-ringsten Nutzen zu ziehen. Der welsche Kunstge-nius und der seinige standen nun einmal unter sichin völligem Widersprüche. Selbst die Hülfsmittel,deren sich jene und auch Er bedienten, wurden vonihm ganz anders, als von ihnen angewandt. Soglaubte er sich vielleicht einem Titian und Raphaelzu nähern, wenn er einen Haufen Stoffe oder Waf-fenstücke zusammenraffte, aus alten Lumpen einenTurban bildete, und überhaupt seine Figuren, mitgrößter Sorgfalt, so ungereimt wie möglich beklei-dete. Denn überhaupt sollen seine Drappirungenihn mehr Zeit als Alles übrige gekostet haben.Aus seinem kühnen Pinselstrich zu urtheilen, sollteman denken, daß er sehr schnell gearbeitet habe;im Gegentheil, war er immer ungewiß über dieWahl seiner Stellungen, seinen Kleidungswurfu. s. f. und seine geringe Kenntniß des Anständigenund Schönen machte, daß über seinen Zweifeln oftLas Feuer seiner Ideen erlosch. Als Bildnißmaleränderte er einen Kopf oft vier bis fünf Mal, wasfreylich seinen Urbildern schlecht genug behagenmußte. Aber aller dieser Hindernisse, zur Vollkom-menheit zu gelangen ungeachtet, wußte Rembrandt dieselbe durch die angestrengteste Arbeit, und kurz,einzig durch sein Genie zu ersetzen. Wenn ein sol-cher Geist, möchte man sagen, die Kunst nichtschon auf der Welt angetroffen hatte, würde er sieselbst erfunden haben. Ueber die Farben, ihre Mi-schung und verschiedenen Töne, hatte er sich selbstRegeln und eine sichere Praktick geschaffen. Erliebte die starken Gegensätze von Lichtern und Schat-ten, und zeigte hierin die größte Einsicht. Umsolche zu erlangen, glaubt man, daß er sich, ne-ben Anderm, folgenden Kunstgriffes bedient habe.Seine, ohnehin ziemlich dunkele Werkstätte warnämlich so eingerichtet, daß sie das stärkste Lichtnur durch ein Loch, wie in der Kammer obscur *)empfieng. Diesen Lichtstrahl ließ er dann auf dieStelle falle», den er vorzüglich beleuchtet wünschte.Wollte er hinwieder seine Gründe hellehalten, soführte er hinter seinem Modell ein mit der ihm an-gemessen scheinenden Grundfarbe gefärbtes Luchauf; und dieses, da es von demselben Strahle,der den Kopf ins Licht setzte, erhellt wurde, be-zeichnete dem Künstler die Abstufung, die er dannnach seinen Grundsätzen erhöhte. RembrandrsFärbung ist überhaupt eine wahre Magie; keinerkannte die verschiedenen Wirkungen derselben untersich so gut wie Er, und unterschied besser die zusam-menstimmenden von den unverträglichen. JedenTon setzte er sofort an seine Stelle, mit so viel Rich-tigkeit und Harmonie, daß er sie nicht erst mitEinbuße ihrer frischen Blüthe zu mischen brauchte;lieber glasirte er sie durch einige Töne, die er ge-schickt über sie hingleiten ließ, um den Uebergangvon Licht zum Schatten zu verbinden, und allzurohe oder helle Farben zu mildern. Daher ist Alles

Rembrandt.

warm in seinen Bildern, und sein Helldunkel voneiner vereinten Kunst und Wahrheit ohne gleiche. Seine Bildnisse legte er schon mit genauer Be,stimmtheit und dem ihm eigenen Farbenschmelze an,und übergieng dann diese erste Arbeit mit seinenkräftigern Tauschen. Die Lichter trug er mit sol-cher Dichtheit auf, daß sie eher wie modellirt, alswie gemalt erschienen. So führt man z. B. (dochwohl fabelhaft) von ihm einen Kopf an, wo dieNase fast so hervorragend als in der Natur war.So viel (setzt hier wareler hinzu) ist gewiß, daßR> i» seinen Bildern nichts minder als glatt oder ge-leckt war; und als jemand eines Tags seine gehackteManier in der Nähe beschauen wollte, sagte er zuihm:Ein Gemäld ist nicht gemacht, um daranzu riechen; die Farbe ist ungesund". Nimmtman seine Bildnisse aus, so ist die Zeichnung inallen seinen übrigen Werken kaum erträglich zu nen-nen, und auch in den erster» bloß die Köpfe; daßer die Hände nicht zeichnen konnte, merkte er sowohl, daß er solche verbarg, so gut es möglichwar. Mehrere Bildnisse sah ich von ihm, wo erdieselben, um der Mühe, die ihre Darstellung er-foderte, überhoben zu seyn, nur durch einige Strichemit dem Borstenpinsel andeutete, welche man inder Nahe nicht wohl bemerkte, und die auch in derThat nicht viel Entschiedenes hatten, sich dennaber doch in einer gewissen Entfernung wirklich alsHände zeigten, und fast so viel Wirkung thaten,als wenn er mehren, Fleiß darauf verwandt hätte.Dann aber waren dafür seine Bildnisse alle vonauffallender Aehnlichkeit, und ächt physiognomi-scher Wahrheit. Die Natur fand sich darin nichtverschönert, aber so einfach und getreu nachgeahmt,daß die Köpfe, wie lebendig, aus dem Tuch her-vorzuspringen schienen. Nur seine Weiberköpfeermangeln freylich fast aller Reitze des schönen Ge-schlechtes. Wenn er steh vollends an nackten Figu-ren versuchte, so waren sie vörderst ganz incorrect,überdieß allzukurz, bald zu dick, bald zu hager,fehlerhaft in der Gliederfügung, und die Extremitä-ten fast immer zu klein oder zu groß. Alles Ge-schichtliche von ihm ist in jeder Rücksicht, die prak-tische Ausführung (Farbe, Tausche und Helldun-kel) ausgenommen, in den Augen des Verständigeneben so lächerlich, als sie freylich der Maler, ihrerletzt genannten Vorzüge wegen zum Höchsten be-wundern muß ". Wie konnte es aber anders seyn,wenn man dieses Künstlers hartnäckige Unkulturund Lebensweise, auch bloß nach der oben entworf-nen flüchtigen Scizze derselben, erwieget? I. c.909-j. Zu dem eben angeführten Urtheile Des-camps über unsern Künstler thun Wareler undl'Evesque wenig Neues hinzu:Das gemeineVolk", liest man dort, »welches die Mühle seinesVaters besuchte, waren seine Modelle, und dieErziehung, welche er dort erhielt, der Grenzpunktseiner Ideen. Hier studirte er die groteske Figurdes guten holländischen Bauers, und der dickenMagd in der Schenke, wie es die großen MeisterItaliens mit dem Apoll im Belvedere und der Ve-nus von Medicis gethan. Wegen der bewunderns-würdigen Gaben, welche er von der Natur em-pfieng, fand er sich dort schon reichlich von Ruhmund Glück belohnt. Daher rührte es dann, daßauch die Veränderung seines Aufenthalts auf seineDenkart und Sitten nicht den geringsten Einflußhatte. Auch in Amsterdam besuchte er bloß dieniedrige Volkeklasse, füllte seine Erholungsstundenmit dem Trunk aus, sah in dem Gelde, welchesseine Arbeit ihm eintrug, bloß das Vergnügen,es aufzuhäufen, und wählte sich selbst zu seinerLebensgefährtin eine Bäurin. Alle jenen gemeine»Naturen nun, bey denen er sich einzig gefiel, schufsein Eigensinn zu seinem Ideale um. Die Werkeder alten Kunst kannte er bloß dem Namen nach,und diesen sprach er nur um zu spötteln aus. Ersammelte verrostete Waffen, alte ausländische odersonst bizzarre Kleidungsstücke, womit er seine Fi-guren vielmehr verkappte als drappirre; und diese

S) Nicht »wie in einem Kerker", wie Heydenreich übersetzt!