Band 
Zweyter Theil [2].
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1239
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R e m b rand t.

nannte er seine Antiken. Aber mit alle dem (dennso groß ist die Macht eines ausgezeichneten Talentsauch nur in einigen Theilen der Kunst), muß der-selbe, mit samt seinen ungeheuern Fehlern, unter diegrößten Maler gezahlt werden, und kann vielleichtsogar der erste unter allen heißen, wenn man bloßdie eigentlich so genannte Malerey in Betrachtungzieht, und die Zeichnungskunst von ihr trennt, diemit ihr so innig verbunden ist. Noch darf manaber nicht vergessen, daß der in so manchen we-sentlichen Kunstparthien unwissende oder nachläßigeRembrandr auch den Ausdruck kannte, der schonallein fähig ist, ein Bild zu beleben. Dieser Aus-druck ist zwar bey ihm nicht edel (veredelt), abergedacht, natürlich und lebendig. Jetzt noch vonfranzösischen Urtheilen über ihn, der neuere Tast-lasson:Reinbrandrs Talent" (sagt dieser)hat, wenn je eines, die ausgezeichnetste Physiog-nomie ; ist solche vielleicht immerhin ein wenigübertrieben, so ist sie darum nur um so viel pikan-ter. Sein distinktiver Charakter bestand darin,seine Gegenstände auf eine ganz besondere Weisebeleuchtet, und sey es nun durch den ihm völligeigenen Farbenton, ober durch eine von allen übri-gen Künstlern verschiedene Malens-Manier, höchstoriginell dargestellt zu haben durch eine solchenämlich, die, von der Nahe betrachtet, Manchemmißfallt, auf eine gewisse Weite hingegen noch dieWirkung vermehrt. Sein Licht nahm er von Oben;der Leuchtepunkt desselben ist immer enge geschlos-sen, von breiten Schattenmaßen umgeben, unddaher sehr glanzvoll, und dem Gegenstand Run-dung ertheilend. Allerdings muß er, in seinenBildn ffen zumal, unter die ersten Koloristen ge-zahlt werden; oft ist sein Ton der zarteste und feinste,andermal wieder der kräftigste und wahrste, denman sich denken kann. Ueberhaupt aber findet mandoch, nicht ohne Grund, daß seine Tinten nichtgenug Verschiedenheit hatten, und zu oft auf'sRöthlichte zogen. Aber wenn auch dieser Tonnicht immer genau derjenige der Natur ist, so hater dafür so viel Leben und Harmonie, und ist sokünstlich angewandt, daß man ihn nicht anderswünschen mochte. Ost malte er von der Sonnebeschienene Gegenstände, und kam bisweilen dem-jenigen Ton sehr nahe, den freylich Keiner völligerreichen kann. Und vielleicht sind es eben diesebesonneten Lichter, und die im Gegensatz graulichterscheinenden Schatten, die ihn zu jener ein wenigallzu eintönigen gelblichtcn (gelbrothen) Färbungverleiteten, und seine enthusiastischen Bewundererirre führen können. Dann bedauert man ihn biswei-len, seine kostbare Zeit darauf verwandt zu haben,ein ganzes Bild gleichsam aufzuopfern, um einStück Metall oder einen Diamant, d. h. so oftdas Unmögliche nachzuahmen. Seine Figuren Hinsnächst gleichen in ihrer Lebens- und Kleidungs-weise jenen fantastischen Menschen, über die mananfangs lachen, und denn doch damit enden muß,viel Interesse an ihnen zu nehmen. Andremalähneln sie den Zauberern in den Romanen, und sindan Oerter gestellt, wo sich die Schatten der Nachtmit den Strahlen des Tags vereinen, was dannseinen Bildern ein geheimnißvolles magisches An-sehn giebt, das selbst diejenigen verführt, welchedergleichen sonst tadelnswerth finden. So verzeihtman es ihm, die Natur nicht zu malen, wie wirsie erblicken, da er uns eine darstellt, wie wirsolche zu sehen wünschen mögten. Und wohl sindWerke, welche dergestalt den Kopf des Künstlersetwas höher spannen, oft eben so nöthig als die-jenigen, welche ihm Unterricht ertheilen. Vielebedäuern's, daß ein mit so viel Namrgabcn aus-gestatteter Künstler nicht noch Italien gesehen, undnach den dortigen großen Mustern alter und neuerKunst studirt habe. Hier, heißt es, hätte er sicheinen höhen, Styl, edlere und richtigere Zeichnungu. s. f. erworben. Letzteres geben wir ihnen zu,ohne darum ihr Bedauern zu theilen. Denn zu-gleich mit jenem Gewinste hatte!>. die wunderbareEnergie eingebüßt, welche seinen Werken ein sol-ches Interesse giebt; er hätte «nmuthigere Zrauen-

Rembrandt. i2zy

bilder, mit hübscher«, Kopfputz gemalt; aber jeneneuen Zaubergeschlechter hätt' er alsdann nicht er-schaffen , welche nun die Erwachsenen so gut anzie-hen, wieHexemnährchen die Kinder. Mittlerweile eralle Theile der Kunst hätte ergründen wollen, würdeer sich nicht so ganz demjenigen Theile gewiedmethaben, zu welchem seine anerschaffene Neigungihn hinzog; so daß ich zweifle, daß unser nachNeuigkeit so lüsterner Sinn dadurch an Vergnügengewonnen hätte. Noch mehr: Wenn R Zeich-nung allerdings tausendseltlam ist, so gebricht esihm deswegen nicht an der gehörigen Regsamkeitaller seiner handelnden Personen, welche manCorrektheil des Ganzen nennen kann (mag), unddie sich stets bey ihm findet. Seine Details dann,so incorrekt sie immer seyn mögen, gefallen ja sosehr, weil sie voll Geist und Wärme sind; habendoch seine Stellungen, seine Köpfe einen eben s»richtigen als lebendigen Ausdruck; ist doch seineZusammensetzung des Ganzen so neu, so natürlich,bisweilen selbst so edel, und immer so beschaffen,daß es die größte Wirkung thun muß Ueberhaupthat R. bewiesen, daß der Adel nicht so sehr vonden Formen abhängt, als von dem Gefühl, wel-ches ihnen das Leben giebt. Von dieser Wahrheitwird man ganz besonders überzeugt, wenn manseine berühmte Abnahme von Kreuz betrachtet; denbreiten, stolzen, imponirenden Effekt seiner Lichter;die Stellung und den Ausdruck seiner Figuren,die so widerlich gezeichnet und so lächerlich gekleidet,und dennoch so hohe Gedanke», und eine so edleEmpfindsamkeit zu erwecken fähig sind geradeso, wie alle dieß zuweilen auf der Schaubühne ge-schieht. Zu den schönsten Bildern, welche dasMuseum von ihm besitzet, gehört unstreitig seinTobias und dessen Familie. Wie dort der Engel,von einem so himmlischen Glänze schimmernd . da-von fliegt wie Alles darin Harmonie ist! WelcheRichtigkeit, Mannigfaltigkeit und Ausdruck inallen Regungen , in den Köpfen, und selbst in denHänden! Wie der Glaubensvater auf seinen Knieen,und seine zitternde Familie von religiöser Salbungso ganz durchdrungen sind! Eben so bann kannkaum etwas vollkommner seyn, als seine zwey klei-nen Bilder von den Philosophen in der Betrachtung.Hier ist das Licht von keiner gezwungenen Rölh-lichkeit, sondern von genauester Wahrheit DieHauptfiguren haben geraee den Geist und Aus-druck , den sie haben sollen; es sind Weise, welchesich mit Dingen, über den gemeinen Verstand erho-ben, beschäftigen. Es ist darin überall so vielRaum, so viel Luft, ein so wohl verstandenes Hell-dunkel, daß sie wie wir denken aufs höchste tau-schen würden, wenn sie in natürlicher Größe voruns stühnden". Noch bemerkt Landon (An-na!. Vl. 4 7.) über Renibrandt den Künstler,theils seine besonders verständige Benutzung derReflexe, theils seine Geduld und Fleiß in der Aus-arbeitung (aber immer nur der Nebensachen), dieoft so weit gierig, baß er sogar die Haare des Bartsund der Pelze mit seltener Genauigkeit ausdrückte;hinwieder seine gänzliche Unkunde der Anatomieund Perspektive. Dann über den Menschen : Wieer bey aller seiner Habsucht schlechte Haushaltungführte; in seiner ganzen Lebensweise ein Sonder-ling, im Denken und.Handeln gleich gemein, seinWesen bäurisch, seine Art sich zu kleiden lächerlichund abgeschmackt war. (In der That man sehenur seine so häufig von ihm selbst gemalten Bildnissean, wo er zumal recht hübsch geputzt erscheinenwollte!). Bey Lfiannlrck heißt es von unsermKünstler:Sein Modell war für ihn die ganzeNatur; weiter suchte er nichts, gierig mit deinheftigsten Feuer gerade darauf los, und hatte nurdieses im Auge. Als Bildnißmaler erreichte eraber dadurch den höchst möglichen Grad der Voll-kommenheit; denn eine genaue Nachahmung derNatur, durch Kunst und Feuer beseelt, und kraft-voll dargestellt, ist Alles, was man von diesemfordern kann". Und nun hören wir noch endlichunsern Lüssli an, der auch hier, wie gewöhnlich,mit kurzem und einfachem Worte so viel Wahrheit,Ttttttt