145
Fleck
geschrieben ist, von ihm gesprochen klang aber jedes Wort wie die Begeisterung desedelste» Dichters. Sei» Organ war von der Reinheit der Glocke, und so reich anvollen, klaren Tonen, in der Tiefe wie in der Höhe, daß nur Derjenige mir glaubenwird, der ihn gekannt hat; denn wahres Flötenspiel stand ihm in der Zärtlichkeit,Bitte und Hingebung zu Gebot, und ohne je in den knarrenden Baß zu fallen, derunsost so unangenehm stört, war sein Ton in der Tiefe wie Metall klingend, konntein verhaltener Wuth wie Donner rollen, und in losgelassener Leidenschaft mit demLöwen brüllen. Der Tragiker, für den Shakspeare dichtete, muß, nach meiner Ein-sicht, viel von F.'S Vortrug und Darstellung gehabt haben, denn diese wunderbarenÜbergänge, diese Intcrjeciionen, dieses Anhalten, und dann den stürmenden ö^tromder Rede, sowie jene zwischengeworfeuennaiven,ja an das Komische grenzende» Nattir-lauteuiidRebengedanken, gab erso natürlich wahr, daß wir gerade dieseSonderbar-kcit des Pathos zuerst verstanden. Sah man ihn in einer dieser großen Dichtungenauftreten, so umleuchrete ihn etwas Überirdisches, ein unsichtbares Grauen ging mitihm, und jeder Ton seinesLear, jede,-Blick ging durch unser Herz. ()n der Rolle desLear zog ich ihn dein großen Schröder vor, den» er nahm sie poetischer und demDichter angemessener, indem er nicht so sichtbar auf das Entstehen des Wahnsinnshinarbeitete, obgleich er diesen in seiner ganze» furchtbaren Erkabenheit erscheinenließ. Wer damals seinen Othello sah, hat auch etwas Großes erlebt. Zm Macbethmag ihn Schröder übertreffen haben, denn den ersten Act gab er nicht bedeutendgenug und den zweiten schwach, selbst ungewiß; aber vom dritten a» war er unver-gleichlich, und groß im fünften. Sein Shylock (obgleich nach einer ganz schlech-ten Bearbeitung) war grauenhaft und gespenstisch, aber nie gemein, sondern durch-aus edel. Viele der Ltchiller'schen Charaktere waren ganz für ihn gedichtet; aberder Triumph seiner Größe war, so groß er auch in Vielem sein mochte, der RäuberMoor. Dieses titanenartige Geschöpf einer jungen und kühnen Zmagin-iiio» er-hielt durch ihn solche furchtbare Wahrheit, edle Ergebenheit, die Wildheit war mitso rührender Zartheit gemischt, daß ohne Zweifel der Dichter bei diesem Anblickeselbst über seine Schöpfung hätte erstaunen müssen. Hier konnte der Künstler alleseine Tone, alleFurien, alle Verzweistung geltend machen, und entsetzte sich der Zu-hörer über dies ungeheure Gefühl, das im Ton und Körper dieses Jünglings die ganzevolle Kraft antraf, so erstarrte er, wenn in der furchtbaren Rede an die Räuber, nachErkennung seines Vaters, noch gewaltiger derselbe Mensch raset, ihn aber nun dasGefühl des Ungeheuersten niederwirft, er dieStimmevcrliert, schluchzt, in LachenauSbricht überfeine schwäche, sich knirschend aufrafft, und nun noch DonnertöneauSstößt, wie sie vorher noch nie gehört waren. Alles was Hamlet von der Gewaltsagt, die ein Ldchauspieler, der selbst das Entsetzlichste erlebt hätte, über die Gemü-ther haben müßte, alle jene dort geschilderten Wirkungen traten in dieser Scenewörtlich ein. Auch die sogen. Charakterrollen in bürgerlichen Dramen gab er tüch-tig, edel und brav, lind mischte ihnen einen Humor bei, berste höchst liebenswürdigmachte. Der Oberförster in den „Jägern" war eine seiner launigsten und tiefstenDarstellungen (Iffland selbst hat ihn nie darin erreicht), und Kotzebue konnte sichglücklich schätzen, daß ein solches Talent ihn in Berlin zuerst bekanntmachte". DieEinwirkung eines Meisters wie F. auf andre Schauspieler konnte nicht fehlen;Viele bildeten sich nach ihm, und noch heute hört man von ältcrnSchauspiclern oftdie Worte: „So hat cS Fleck gemacht!" Die letzte Rolle, in welcher er mit seinergeistigen Kraft alle Herzen erschütterte, war Schiller'« „Wallenstein ", den nachihm auf der berliner Bühne noch Keiner so hat darstellen kennen, daß er auch nurgenügt hätte. F. starb zu Berlin am 20. Dcc. 1801, im noch nicht vollendeten 15.Jahre. Hffland gab die erste Anzeige von s. Tode, und sagt darin: „Die innereKraft, welche ihm beiwohnte, hat es für ihn umwthig gemacht, sei» Talent durchgeringe Hülfsmittel, welche sie sein möge», geltend zumachen. Erwarder Ver-Eoiirctsittioiis'Lcj'icoii. Bd. IV. 10