Band 
Vierter Band. F bis G.
Seite
584
JPEG-Download
 

L84 Gemüth

in der Hand, mit Fußeisen und einem Fernglas versehen, ihre Reise aufs Gebirgean. Um auch da übernachten zu können, nagen sie eine Pelzjacke und führen dienöthiailen LebenSmittel bei sich. Sorgfältig bemerken sie, ob ihnen der Wind indas Gesicht oder in den Rücken geht, denn im letzter» Falle wittern die Gemsen desWägers Ankunft. Mit dem Fußeisen bewaffnet, seht er den fliehenden Gemsenüber alle Felsen und Eisfelder nach. Jeder Schritt vor-- oder rückwärts ist oft mitLebensgefahr verbunden. Gelingt es ihm endlich, die Thiere in einen engenBerg-strich hineinzutreiben, wo ihnen nur auf seine Person zu der Ausweg noch offensieht, so schießt er unter sie. Wiederholt er dies öfter, so seht das geängstete Thierüber das Haupt des Jägers weg oder stürzt ihü durch einen gewagten Sprung inden Abgrund; nicht selten findet der Jäger bloß über dem Nachklettern zwischenschroffen Felsenklippen sein Grab. In Graubündten und Wallis findet man vielesolche Waghälse, die in,t den lirolischen und savovischen Gemsinjägern immer imKriege leben. Ein Gemsönfell wird um K —9 Gldn. verkauft; außerdem erhältman noch etwa 10 —12 Pfund Talg von einem starken Thiere. Dies und der be-liebte Braten ist der ganz? Gewinn für eine so große Gefahr.

G e M ü t h ist die Stimmung und Richtung des Willens der Seele durch ihrGefühl, oder die Seele als Princip der Gefühle und Neigungen. Löst wird jedochGemüth auch für S^le überhaupt genommen; wie wenn man von Vermögen desGemüths oder Gemüthskräften redet. — Wie das körpei liehe Gefükl (Gemeinge-fühl und Sinnesanschauung) dem Menschen die Wahrnehmung von seinem Körperals seinem eignen gibt, so bekommt die Seele durch das innere Gefühl die Überzeu-gung ihrer Individualität, die Selbstanfchauung ihres innersten Seins und Lebens.Dieses Sein und Leben der Seele ist aber höchst ind'vidpell und bei jedem Mensche»ganz eigenthümlich, ist durch äußere Einwirkungen sowo! als durch innereThätigkeitdes Geistes selbst bestimmbar, und wird durch beide fortwährend bestimmt. Dabeisind aber im Allgemeinen zwei Verschiedenheiten in dem Anstaube der Seele bemerk-bar, indem er entweder angenehm oder unangenehm ist; das Erste, wenn er in Ein-klang niit ihren Zwecken, das Andre, wen» er in Zwiespalt mit denselben steht.Die Zwecke der Seele sind aber entweder die höher», d. h. die ihrem Wef n nach ihreigenthümlichen, oder die niedern, d. h. die Zwecke des physischen Organismus, oderder Sinnlichkeit, die ihr von demselben aufgedrungen, oder von ihr freiwillig ange-nommen werden. Der höchste Zweck der Seele ist Vereinigung mit dem höchstenGut, oder ewiges Sein in Gott, d. h. Seligkeit. Alles, was zu deren Er langunghinführt, sind die höher» Zwecke der Seele, das wahre Gute, dessen Vereinigungdas psychische Wohlsein gründet. Die phvsischcn Zwecke, die der Sinnlichkeit, sindErhaltung des Organismus, Befriedigung der Federungen desselben, Beförderungder sinnlichen Funckionen, zeitliches -Lein und Vereinigung mit dem irdische» Gilt.Alles, was zur Erlangung desselben hinfuhrt, bildet die niedern Zwecke und gründetdas physische oder sinnliche Wohlsein. Die Seele kann die höher» und die niedernZwecke verfolgen. Die niedern gibt ihr die Linnlich'.eit, die höher» die Vernunft,welche die Ideen (die höher» und reinsten Begriffe), also auch die vom wahren Gute,aus ihrem Wesen selbst entwickelt. Je mehr demnach die Vernunft in der Seelethätig ist, desto mehr ordnet sie die niedern Zwecke den höhern unter, desto herrschen-der wird das Verlangen nach dem Zustande jenes höhern Wohlseins. Ieoes Malüber verlangt die Seele ihren angenehmen Zustand zu erhalten, den unangenehmenZustand zu verändern. Hieraus entsteht eine Stimmung des Willens überhaupt(des Begehrungsvermögens), eine Richtung desselben nach der dauernden Vereini-gung mit einem Gegenstände, oder zur Trennung von ihm, Neigung oder Abnei-gung, Liebe oder Haß, je nachdem der Gegenstand sie in angenehmen oder unange-nehmen Zustand versetzt. — Die Stärke (Lebhaftigkeit) des Gemüths hängt von demGrade der Klarheit des Gefühls der psychischen Individualität ab. Las Gemüth