Band 
Vierter Band. F bis G.
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Genien

sich gezeigt haben würbe, wenn es seine Thätigkeit dahin hätte richten wollen. Zwarhaben große Künstler selten etwas Ausgezeichnetes auf dein Gebiete der Wissen-schaften geleistet, doch hat es auch Männer gegeben, welche in mehre» Zweigen derKunst oder der Wissenschaft zugleich mit Genialität arbeiteten. So war MichelAngelo ein ebenso genialer Bildhauer als Maler, und Leiblich ein ebenso großerMathematiker als Philosoph. Am gewöhnlichsten wird das Wort Genie vonKünstlern gebraucht, und mit Recht, denn die Künste sind der eigentliche Wir-kungskreis des Genies, dessen von einer regen Einbildungskraft bewegte Kräftegleichsam das Bedürfniß haben, sich in neuen Schöpfungen zu äußern. —Genial nennt man, was dem Genie angehört, was das Genie ankündigt;oft aber nennt man einen genialen Menschen und Künstler den, der sich demGenie nur annähert, aber dessen Energie und Ausbildung noch nicht besitzt,die sich in epochemachenden Werken äußert.

Genien. Was bei den Griechen die Dämonen (s. d.), waren bei denRömern dieMenien. Nach einem Glauben derRömer, sagt Wieland, der ihnenfast mit allen Völkern des Erdbodens gemein war, hatte jeder Mensch seinen eignenGenius, d. i. einen Naturgeist, der ihn ins Leben einführte, ihm im Lause dessel-ben immer zur Seite war und ihn wieder aus demselben hinauSgeleitete. DieGenien der Weiber heißen Hunonen; die Knechte schwuren bei dem Genius ihrerHerren, die Mägde bei der Juno ihrer Frauen, und das ganze römische Reich beunGenius AugustuS und seiner Nachfolger. Wie die Religion der Griechen und Rö-mer überhaupt an keinen festen Lehrbegriff gebunden, sondern in ihrem GlaubenAlles unbestimmt, schwankend und willkürlich war, so war auch über diese» Artikelnichts festgesetzt; und wer Lust hatte, glaubte entweder 2 Genien, einen weißenund guten, dem er alles Glückliche, und einen bösen, schwarzen, dem er alles Wi-derwärtige, was ihm begegnete, zuschrieb; oder nur Einen, der, wie Hora; (Briefe,I I, 2) sagt, weiß und schwarz zugleich, und, je nachdem sich der Mensch aufführte,ihm hold und unhold sei. Daher die Redensarten: einen erzürnten Genius haben,seinen Genius besänftigen, seinem Genius gütlich thun u. dgl. Je nachdem derGenius eines Menschen stärker, mächtiger, verständiger, wachsamer, kurz, je voll-kommener er s. eignen Natur nach, und je gewogener er dem Menschen war, derun:-r seinem Schutze und Einflüsse lebre, je besser stand es um diesen Menschen,und je grcß-r waren s. Vorrüge vor Andern. So warnte z. B. ein ägvptischer Gei-sterseher den AmonüiS vor s. Tollege - und Schwager OctavianuS . Dem Genius,sagte er, fürchtet den (einigen. Zwar ist er von Natur groß und hohen Muthes,aber sowie er sich dem Genius dieses jungen Menschen nähert, schrumpft er zusam-men, wird klein und feig. Der Glaube der Alten an die Genie» (denn nicht nurjeder Mensch, sondern jedes andre natürliche Wes.n hatte den seinigen) war ohneZweifel eine Folge ihrer DorstcllungSart von dem allgemeinen, sich durch die ganzeKörperwelt ergießenden göttlichen Geiste. Das. was jedem Dinge Bestandkrast,innere Regung, Vegetation, Leben, Gefühl und Seele gab, war ein Theil dieses ge-meinschaftlichen Naturgeistes; daher nennt Horaz den Genius den Gott der mensch-lichen Natur. Er ist nicht der Mensch selbst, aber er ist Das, was Jede» zum indivi-duellen Menschen macht. Seine Persönlichkeit ist an das Leben dieses Menschen ge-heftet; und sowie dieser stirbt, verliert sich sein Genius wieder in den» allgemeinenOcean der Geister, aus welchem er, bei dessen Geburt, auSgefloffen war, um derPortion von Materie, woraus dieser Mensch werden sollte, seine individuelle Formzu geben, um dieses neue Gebilde zu beleben und zu beseelen. Daher nennt ihn Ho-raz »mi Uilein in iiuiinxzuoilgne i.-!,>>iit. Da die Griechen alle unsichtbare Dingeund alle abgezogene Begriffe mit schönen menschenähnlichen Gestalten zu bekleidengewohnt waren, so erhielt auch der Genius der menschlichen Natur die scinige. Er-wurde als ein Knabe, oder in dem Alter zwischen Knaben und Jüngling» mit einem