Band 
Vierter Band. F bis G.
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656 Geschichtschreiber

bringen; allein die Selbständigkeit der Geschichte als Wissenschaft ward ebensa we-nig von den Philologen wie früher von den Theologen begründet; nur die Kritik derQuellen der griechischen und römischen Geschichte, nicht aber der gesummten Quel-len der alle» Geschichte, hatte dadurch gewonnen; besonders ward die neuere undneueste Geschichte bloß in wenigen Stunden als überflüssiger Anhang zur römischenund byzantinischen Geschichte beigebracht, weil ja die Schriftsteller dcs MitkelalterSnicht im Ernestischen Latein geschrieben hätten, und die neueste Geschichte aus Zei-tungen und Posselt'schen Taschenbüchern erlernt werden könnte. Man darf nurdie Compendien und Systeme der allgemeine» Geschichte von Carion an, nachMe-lanchthon's Ausgabe, bis herab auf den (zuerst von Schröckh verbesserten) HilmarTuras mit untergesetzten Fragen, wie in Hübner's „Biblischen Historien", zusam-menhalten, und damit die Lehrbücher aus den Zeiten der Philologen vergleichen, umsich zu überzeugen, wie wenig in vollen zwei Jahrh, in Deutschland für die allge-meine Geschichte, nach Stoff und Form, geschehen war. Erst mit dem freiern An-bau der Specialgeschichte, nach Möser's Vorgänge mit der osnabrückischen undMüller'S Darstellung der schweizerischen Geschichte, mit der Verpflanzung, Ver-besserung und selbständige» Fortsetzung der beiden großen britischen Werke über dieUniversalgeschichte, hauptsächlich aber mit dem ernsten Studium der drei britischenGeschichtschreiber, Robertson, Hume und Gibbon, deren politische Bildung diereift Frucht der freien Verfassung Großbritanniens war, begann auch in Deutsch-land der Sinn für die politische und pragmatische Behandlung derGeschichte. Dochwar es nicht Gatterer, der dieser Behandlung Vorschub that. Zwar lassen sichihm Gründlichkeit der kritischen Forschung, »Lichtung und geordnete Aufstellungder geprüften Massen, umschließende Verbreitung seines Fleißes über die meisteneinzelnen Zweige der geschichtlichen Wissenschaften, und Trennung der Geschichtevon den herkömmlichen theologischen Ansichten nicht absprechen; allein der Geist,der die Massen beleben und durchdringen sollte, ging bei ihm unter in einem Linnöis-muS, welcher die Völkerstämme und Begebenheiten rubrikenartig classisicirte undgleichsam mit dem anatomischen Messer behandelte, weil ihm die philosophische Bil-dung und der politische Blick abging, die nicht durch philologische Kenntnisse unddurch bienenartigesZusammentragen einzelner Notizen ersetzt werden können. Ver-gebens fragt man bei ihm nach der Darstellung der größten Angelegenheiten derVölker und der gesammtcn Menschheit, nach Religion, Verfassung, Regierung,Cultur und Volksthümlichkeit, aus welchen zunächst die Ursachen des Skeigcns unddes Sinkens der Völker und der Staaten befriedigend erklärt werden können! —>Dieser höhere Geist waltete und wirkte aber in Schlözer's Schriften, der bei einersehr ausgebreiteten Gelehrsamkeit, die selbst sein auf ihn eifersüchtiger College Gat-terer nicht verkennen konnte, zugleich die vielseitigste» politischen, staatSwirthschaft-lichen und statistischen Kenntnisse besaß, und mit einer Freimüthigkeit, die jedemgroßen und kleinen LultaniemuS ein Schrecken war, die Vorgänge der alten undneuen Geschichte prüfte, sichtete, und einem geistvollen — bisweilen etwas schar-fen — Urtheile unterwarf. Seit seiner Zeit legte sich allmälig die bis dahin blindeBewunderung des Alterthums, die man fortan den Recwren und Conrectoren derLyceen zu beliebigem Gebrauche überließ; man fühlte, daß die jüngere europäische Menschheit mit ihrem Colombo, Luther, Albuguergue, Moritz v. Sachsen, GustavAdolf, Friedrich ll., Joseph II. und A. ebenso wichtig und für , ns noch bedeu-tungsvoller sei als die Tage des CyruS, der Caziken von Sicyon, der 1 römischenKönige und der ägyptischen Pharaonen; man sing allmälig an, einige fragmenta-rische Nachrichten über Religion, Verfassung, Verwaltung, Cultur, Vo'ksgeist undSitten in den Lehrbüchern der allgemeine» Geschichte am Schlüsse der einzelnenZeiträume, gleichsam als Nutzanwendungen, einzuschwärzen, bis endlich, unter denEinflüssen der politischen Vorgänge lm innern und äußern StaatSleben des jungem