Geschichtschreiber 657
Europa, die gesammte Behandlung der Geschichte durch ausgezeichnete Männerumgebildet ward. Nun galt es nicht niehr bloß einer trockenen Nomenclatur vonRegenten und IahkSzahlen; man fragte nach dem Charakter der Gesetzgebungen,der Religionen, der Verfassungen, der Regierungsformen und nach der Ankündi-gung des DolkSgeistes in den einzelnen Zeiträumen und bei den verschiedenstenStaaten; man forschte nach der Ursache des Blühens, SteigenS, Culminirenü,Veraltens und Sinkens der Völker und Reiche, und vergegenwärtigte sich deßhalbdie Ankündigung des innern und äußern Lebens der Völker und Staaten, sowieden Zusammenhang und die Wechselwirkung beider auf einander. In diesemGeiste dachten und schrieben Schlözer , Spittler, Heeren, Schiller, Weltmann, Jo-hannes Müller, Wachler, Pölih, Luden, Rotteck, Dresch, Saalfeld , Buchholr,Schneller u. A. Entschied gleich die Individualität dieser Männer zunächst überdas politische Geprägeihrcrgeschichtlichen Werke, so ward doch durch sie die politischeDarstellung der Geschichte, fowol der allgemeinen als der speciellen, begründet, unddie Aufnahme ihrer Werke in den gebildeten Kreisen des Publicums hat es bewiesen,daß diese politische Darstellung der Geschichte den Bedürfnissen des Zeitalters ent-sprach, und nian nicht niehr bloß Namen und Zahlen, sondern Geist und Urtheil inder Geschichte verlangte. — Gedenken wir nun des Anbaus der Gesch. insbesondere,so ist die „'Allgemeine Welrhistorie", zu welcher sich zu Anfang des 18. Jahrh, inEngland Swmgton, >Lale, Boiperu. A. vereinigten, und welche seit 1714 anfangsunter Baumgarten's, dann unter Semler's Leitung ins Deutsche übersetzt wurde,schon als eine bessere Behandlung^der Universalgeschichte zu betrachten. Doch baldfühlte man in Deutschland die Unvollkommenheiten des britischen Werks. Schonin den früher erschienenen Theilen hatte man dasselbe, wegen des Mangels an histo-rischer Kritik, beständig verbessern müssen; vom 31. Th. an banden sich die Deut-schen gar nicht mehr an dasselbe. Schlözer , der eine allgemeine Übersicht des Nor-dens gab, Meusel, der Frankreich , leBret,derItalien, Sprengel, derEngland,Gal-letti, der Deutschland, Rühs, der Schweden bearbeitete, folgten ihrem eignen Plane.Freilich ist das bereits auf 78 O.uaribände angewachsene Werk noch nicht beendigt;auch ist es zunächst in den neuen Theilen Specialgesch. der europ. Reiche und Staa-ten; es enthält ober eine großeMaterialiensamml. für die Gesch., und einzelne Theilesind mit tiefen» historischem Geiste bearbeitet und eine wahre Bereicherung des gro-ßen historischen Gebiets. (Im Auszuae von Boysen, Häberlin u.A., 37 Th., Halle1767—9V.) Zweckmäßiger ward gleich von» Anfange an die Übersetz, der von Gu-thrie und Gray eröffneten „Allgem. Welkgesch.", von der Schöpfung an bis auf ge-genwärtige Zeit, geleitet; seit 1765—1808 in 17 Th. zu Leipzig ; die Herausgabeder ersten Th. geschah durch Herme. Die Fehler der engl. Urschrift wurden sorgfältigverbessert. In der Folge verließen, auch bei der Bearbeitung dieses Werks, die deut-schen Historiker die Grundlage ihrer britischen Vorgänger. Heyne schrieb in diesemWerke die alte asiatische, griechische und römische Geschichte, und die Geschichte derAraber, der Mongolen und Türken; Ritter bearbeitete die Zeit der römischen undbyzantinischen Imperatoren und der ersten durch Germanen gestifteten Reiche;Schröckh gab Italien, Frankreich , England und die Niederlande, Heinrich die Ge-schichte der Deutschen und des deutschen Reichs; Dieze schrieb die Geschichte vonSpanien und Portugall; Wagner schilderte Polen und überhaupt den Norden Eu-ropas, Gebhardi Ungarn und die damit verbundenen und angrenzenden Reiche undStaaten, und Ioh. v. Müller begann die Geschichte der schweizerischen Eidgenos-senschaft für dieses Werk, welche von Gluh-Blo^heim bis 1516 fortgesetzt ward.Ein mannigfaltiger Ertrag historischer Forschung ist in dieser Weltgeschichte niedei-gelegt; doch auch von ihr gilt, was bei dem vorhergehenden Werk erinnert wurde,daß sie zunächst Specialgeschichte in den einzelnen Theilen, und keine zu einem ge-meinsamen Überblick verbundene Universalgeschichte enthält. Mir gcmaßiglctMCoiiversations - Lerico». Ld. IV. 12