729
Gleichgewicht der Staaten
entstehen, sobald mehre Staaten sich selbst alö moralische Personen erkannten, undmit einander in rechtliche Verhältnisse traten. Beides setzt aber voraus, das; dieCivilisation bedeutende Fortschritte gemacht habe. Es ist daher falsch, wenn mangesagt hat, daß das politische Gleichgewicht eine Entdeckung sei, die die italienischenFreistaaten erst im 15. Jahrh, gemacht hätten, um sich den EroberungsangriffenKarls VIII. von Frankreich zu entziehen. Woher anders entstand der peloponne-sische Krieg, als weil die übrigen Staaten Griechenlands die drückende ObergewaltAthens nicht länger dulden wollten? Ebenso wußte Athen es selbst sehr wohl, daßSparta und Theben nie zu mächtig werden dürsten, wenn seine eigne Sicherheitnicht gefährdet werden sollte. Demosthenes entwickelte in s. Reden, besonders fürMegalopolis, so feine Gedanken über diesen Gegenstand, wie sie nur der größte Po-litiker neuerer Zeiten vortragen könnte; und Polybius , der im Fache der Staats-wissenschaft ebenso groß ist als in der Geschichtschreibung, lobt ausdrücklich das Be-nehmen des Königs Hiero von Syrakus, da er den Carlhagern in deni Kriege derHülfsvölker Beistand leistete. „Man muß", seht er hinzu, „nie die geringen Ansängeder Vergrößerung der Nachkuren gering achten, und nimmer zugeben, daß die Machteines Staates so sehr wachse, daß man einst einen gerechten Krieg nicht mit gleichenKräften führen könnte". Unter den Nachfolgern Alexanders war es jedoch mehrder Kampf gegenseitiger Eifersucht, welcher ein gleiches Machtverbälüüß ordnete,als die Idee eines politischen Gleichgewichts. Als später die Herrschaft der RömerAlles unterjochte, als im Anfange des Mittelalters die nordischen Völker mit dem rö-mischen Reiche auch den gesellschaftlichen Verein zerstörten, da ging diese Idee völligunter. Auch Karls d. Gr. Eroberungsplane und die Absonderung der Staaten un-ter sich, sowie die Kreuzzüge, ließen dieselbe im spätern Mittelalter nicht wieder auf-kommen. Nur im Kleinen findet man diese Idee in den Kriegen befolgt, die diechristlichen Könige der pyrenäischen Halbinsel theils unter sich, theils mit dem mau-rischen Hofe zu Cordova führten. Aber lebhafter, obgleich nicht mit angemessenersittlicher Größe, erwachte der Gedanke an das politische Gleichgewicht in den Frei-staaten Italiens. Die Kämpfe zwischen Genua und Venedig , von denen jenes sichmit den byzantinischen Kaisern verband, dieses sich sogar den erobernden Osmanenanschloß, hatten ursprünglich keinen andern Zweck, als dem Übergewichte der einenoder der andern Macht entgegenzuarbeiten; aber weil sie größremheils nur diesebeiden Staaten beschäftigten, und bloß aus gegenseitiger Eifersucht wegen Macht-und Handelsvortheil hervorgingen, so endigten sie mit derSchwächung der Republik von Genua. Als hierauf Karl VIII. von Frankreich Italien angriff, um seine An-sprüche auf Neapel geltend zu machen, da regte sich. in allen Staaten das lebhafteGefühl der Nothwendigkeit, dieser Übermacht entgegenzuarbeiten. Robertson rech-net von dieser Zeit an die Ausbildung der Idee des politischen Gleichgewichts, und inder That kann man so viel zugeben, daß, da damals erst die Staaten in engere Be-rührung mit einander kamen, die Mächte von Deutschland und Spanien gegen diewachsende Macht Frankreichs auf ihrer Hut zu sein anfingen. Noch mebr war diesder Fall, als die Reformation mit der Staatskunst zugleich auch die Ansichten voinVölkerrechte aufklärte; in den Kriege» Franz I. undKarls V. bemerkt man bloß dieAbsicht eines Jeden, auf Kosten des Andern selbst mächtiger zu werden. Es wardie Idee des politischen Gleichgewichts, wclcbe im 17. Jahrh, dse Fürsten Europas zu einem allgemeinen Kampfe gegen die Anmaßungen des Hauses Ostreich bewaffnete,,die den unsterblichen Gustav Adolf für die Rechte der reinern Religion sowol als zumSchlitze der bedrängten deutschen Fürsten auf den Boden Deutschlands rief. Weilaber die deutschen Fürsten selbst unter sich weder einig waren noch einen großenMann aus ihrer Mitte an ihre Spitze stellen konnten, so übernahmen fremdeMächte die Mühe, den politischen Zustand von Deutschland nach ihrem Bedürfnissezu ordnen. Dadurch wurde für Deutschland selbst kein Gleichgewicht, sondein eine