Band 
Vierter Band. F bis G.
Seite
779
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Göthe

Schlegel und W. von Humboldt haben dieses Epos so beleuchtet, daß jedes Wortdarüber überflüssig scheint; „Wilhelm Meister " würde ihm ganz an die Seite gesetztwerde» können, wenn er nicht »»befriedigend als Ganzes wäre. Was G. damitgewollt, bleibt immer räthselhaft, und nur dies Eine tritt mit Gewißheit hervor,daßMeister noch kein Meister geworden ist. ÜberdieEmheir und Ganzheit der Lehr-jahre können wir also jetzt eigentlich kein zureichendes Urtheil fallen, da auch die un-vollendeten „Wanderjahre" keine genügende Aufklärung über die Tendenz des Gan-zen gebe». Dessenungeachtet bleibt „Meister" eines der vorzüglichsten Göthe'schenWerke, denn in ihm und im „Faust " vereinigt sich die ganze Universalität desGöthe scheu Geistes, lind diese Sprache, die wie ein schöner Strom in ruhiger Klar-heit und der schönsten Bewegung sich ergießt, dieser Ausdruck, der sich wie ein schö-ner Körper an die zarte Seele anschmiegt, so einfach ohne nüchtern, so zierlich ohnekostbar, so wahr ohne gesucht, so beredt ohne rhetorisch zu sein, wo findet sie ihresGleichen? Vergleicht man, in Beziehung auf denDichter, den „Meister" mit „Wer-ther", so sieht man, wie in diesem der Dichter noch mit Leben und Schicksal ringt, imMeister aber sie besiegt hat, und alles Heil in einer harmonischen Bildung fand, dieman auch als Tendenz des „Meister" betrachten muß. Durch seine leidenschaftlose,ruhige, objective Ansicht der Welt und des Lebens hatte sich eine Weltanschauungin ihn, gebildet, die, gleich entfernt von einseitiger Beschränktheit als vorgefaßterMeinung, ihn jedes als zweckmäßig an seine Stelle, das Einzelne im Zusammenwir-ken mit dem Ganze», und im menschlichen Leben das Streben und Thun als dieHauptsache betrachten ließ. Nothwendig warf dies auch ein milderes Licht auf jenendunkeln Punkt im Menschenleben, wo die Fäden desselben an ein unergründlichesSchicksal geknüpft sind. Das erhob ihn jetzt zur Idee einer Theodicee, und diesesehen wir im „Faust ", denn wir müßten uns sehr irren, wenn Faust nicht gerettetwerden, der Himmel über die Hölle nicht den Sieg davon tragen sollte. „Faust "ist demnach ein philosophisch-, oder will man lieber, religiös-didaktisches Drama.Das Höchste und Tiefste, das Lieblichste und Rührendste, was eine menschlicheBrust bewegen kann, ist darin niedergelegt, durchdrungen von der tiefsten Poesie.An die Eomposition des Ganzen sleider ist es erst eine Hälfte!) haben sich Manchegestoßen, besonders darum, weil sie dabei an das Theater gedacht haben, für wel-ches diese riesenhafte Eomposition nicht geschaffen ist. lind gleichwol ist eben dieseeine Vortrefflichkeit mehr, mag man sie nun aus dem Gesichtspunkte der Zeit, inwelche das Stück fällt, oder des Sujets betrachten, das ohne phantastische Behand-lung nicht bleibt, was es ist. Das Flache und Alltägliche mußte hier ebensowola'S das Würdige und Erhabene seine stelle finden, und es ist für den „Faust " einGlück, was für den „Meister" ein Unglück härte werden können, daß beide Perio-den des Dichters sich darin berühren. Auch gehört er beiden an. Nachdem sich zuEnde von G.'s zweiter Periode noch einmal jener dem Augenblick überlegene Humorin den „ch'enien" gezeigt, und er damit eigentlich die Losung zu einer neuen Kraftpe-riode gegeben hatte, schien die schaffende Kraft G.'S allgemach zu versiegen. Undwahr ist es, seitdem er Voltaire '-? „Mohammed" und „Tancred" übersetzt hatte,hat er, wenn man einige Lieder und Romanzen auSnimmt, Nichts geliefert, wasan die vorige Kraft und Fülle reichte. Nichts, worin er nicht befangen in seiner Zeiterschiene. Mit seiner „Eugenik" war es auf eine Trilogie, wie bei Schiller '-? „Wol-lenstem", abgesehen; allein es blieb beim ersten Theile. Man darf sie in gewisserHinsicht das vollendetste Werk des Dichters nennen; kein andres ist so gefeilt, so ge-glättet. Huber sagte: „freilich marmoralatt, aber auch marmorkalt!" Alles istaufgeboten für dieForm, und dermethaphvsische Idealismus verräth sich schon durchdas Personale. Sind es nicht lauter Abstracto? Man sieht deßhalb G. wol hierund da, aber er waltet nicht durch das Ganze, und dieses Werk ist mehr elegant alsschön. Kaum laßt sich Ähnliches von den „Wahlverwandtschaften " behaupten,