822
Grazie Grazien
neum mit wichtigen Sammlungen; insbesondere die Cultur der Einwohner desHähern und des Mittelstandes.
Grazie bezeichnet in den schönen Künsten diejenigen Eigenschaften, durchw.'lche ein Gegenstand einen höchst wohlgefälligen Eindruck sanfterer Art auf unsmacht, vornehmlich aber das Schöne in Bewegung und Ausdruck. Wir haben da-für die Wörter Reiz, Anmuth, Lieblichkeit, Liebreiz, Holdseligkeit, als eine Stu-fenfolge von Ausdrücken verwandter Empfindungen, deren die eine sich über dieandre erhebt. Reiz scheint das Allgemeine zu sein; die übrigen bezeichnen besondereArten desselben. Das Schöne wird reizend, im ediern Sinne, wenn es nicht bloßdas Vergnüge» der Betrachtung erregt, sondern zugleich eine schwärmerische Be-gierde, sich innig mit ihm zu vereinigen, es seiner Phantasie zu fortdauerndemGenusse zu übergeben. Anmuth und Lieblichkeit sind von Liebreiz und Holdseligkeitdadurch unterschieden, daß jene auch von leblosen und thierischen Wesen, diese bloßvon Menschen und Hähern Wesen gebraucht werden können; jene ein durch dieAufsrssung einer Form erregtes angenehmes Lebensgefühl, diese ein höheres, mitder Sittlichkeit nahe verwandtes Gefühl ausdrücken, jene in Werken derKuusivor-nebmlich in der Anordnung und Manier, diese im Ausdruck ibrcn Grund haben.Liebreiz ist das echte deutsche Wort für Grazie. Er ist vorzugsweise dem Geschlechteigen, welches wir das schöne nennen, und auch diesem vorzüglich in der Blüthedes Lebens. Liebreiz begleitet bei dem weiblichen Geschlechte den Ausdruck derLiebe und athmet aus jenen zauberischen Mienen und Bewegungen, in welchen derAusdruck der Liebe mit dem Ausdruck einer uuschuldsvollen Begier, die Liebe zu ver-bergen, frei und natürlich verknüpft ist. Ihn s. Werken einzuhauchen, wird demKünstler nur in dem Augenblicke der reinsten Begeisterung gelingen. Die Grazie istder höchste Schmuck der Natur und hat in ihrem Ausdruck eine belebende Leichtig-keit und Natürlichkeit, daher eine gekünstelte Grazie sich selbst widerspricht. Hold-seligkeit ist nur überirdischen, ide'alischen wewlichen Gestalten (wie den Madonnen)eigen; sie ist der Ausdruck vollendeter Reinheit der Seele, erhabener, allumfassen-der Liebe und Hinneigung gegen niedere Wesen, bei welchen man sich zugleich be-stimmt fühlt, sich zutrauensvoll anzunähern und demüthig zurückzuziehen.
Grazien oder Charitinnen, die Göttinnen der Anmuth, der schönenSitte, von welchen, wie Pindar singt, den Sterblichen alles Schöne und Ange-nehme kommt, durch welche allein der Mensch weise, schön oder glänzenden Ruh-mes ist. Nach Hesiodus und den meisten Dichtern und Mythographen war Jupi-ter ihr Vater. Bei Hesiodus heißt die Mutter Ervnome; und mit ihm stimmendie meisten Alten überein. Die Lacedänionier und Athenienser kannten zuerst nur2 Grazien, denen jene die Namen Phaönna (die Schimmernde) und Kleta(die Ruhmvolle), diese aber die Namen Hegemone (die Führen») und Aupo (dirBeglückerin) gaben. König Eteokles führte bei den Ldrchomeniern die Anbe-tung dreier Grazien ein, und Hesiodus gibt ihnen zuerst die bekannten NamenAglaja (Glanz), Thalia (die Grünende) und Euphrofyne (Heiterkeit). Homer er-wähnt ihrer in der „Ilias " als Dienerinnen der Juno, in der „Ddrssee" aber alsDienerinnen der Venus, welche sich von ihnen baden und schmücken läßt. Er dachtesie sich als ein zahlreiches Gefolge dieser Göttinnen, bestimmt, die Tage der Unsterb-lichen zu beglücken. Nach Hesiod waren sie, wie sich schon aus den Namen s. Gra-zien ergibt, ein Bild von der höchsten Anlage zu gefallen, deren Hauptzweck ist, dasgesellschaftliche Vergnügen zu befördern und durch Heiterkeit und Güte zu festeln.Die spätern Dichter entfernten sich von dieser DorstellungSart und machten ausihnen allegorische Dichtungen. Allenthalben aber erschienen die Grazien (und ebendies scheint ihren Charakter zu vollenden) nicht als herrschende, sondern als die-nende Gottheiten. Nicht sie selber schimmern, aber Venus schimmert durch sie;nicht sie erobern, aber durch sie gewinnt Venus die Herzen. Auch geistige Genüsse