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Geblasene Spiegel.
so sehr in den Schleier des Geheimnisses, daß man nur aus gelegentlichen Be-merkungen über sie etwas erfährt; so, daß sie zu Anfang des 18. Jahrhundertsgänzlich darnieder lag, da Anstrengungen gemacht werden mußten, sie „zur altenVollkommenheit zurückzuführen", und daß dann 1719 Giovanni Croce wesent-liche Verbesserungen im Schleif- und Polirverfahren einführte.
In Frankreich finden wir zwar bereits um 1555 eine Spicgelhütte zuCorrupt an der Biesme*), auch derartige Etablissements in den Vogcsen, den-noch sah sich Colbert genöthigt, um den Vcnetianern Concurrenz machen zukönnen, für Frankreich muranesische Spiegelbläser zu beziehen.
Eine hervorragende Rolle in der älteren französischen Spiegelindustrie spieltedas Etablissement zu Tourlaville bei Cherbourg. Hier bestand schon 1652 eineGlashütte, auf der später Richard und Louis Lucas de Nehou, nach einemvon ihnen entdeckten Verfahren (?), ein sich durch seine Farblosigkeit auszeichnendes,schönes Fensterglas herstellten, das in Paris Aufsehen erregte, und in den könig-lichen Schlössern benutzt wurde. Junge Leute aus Straßburg, nach Anderen ausder Umgegend von Cherbourg, hatten Gelegenheit gefunden, das venetianische Ver-fahren bei Herstellung der Spiegel auf Murano selbst praktisch kennen zu lernen,boten den Lucas' ihre Dienste an, und wurden zu Tourlaville beschäftigt. Unter-deß hatte, auf Colbert's Veranlassung, der durch den damaligen französischenGesandten bei der Republik Venedig, Bonzi, 18 dortige Spiegclmacher zur Ucber-siedelung nach Frankreich zu bewegen gewußt 2 ), die venetianische Spiegelfabrikationbereits Wurzel gefaßt, Nicolas du Noyer hatte auf Grundlage eines ihm ertheilten20jährigen ausschließlichen Privilegiums Ludwig's XIV. eine Actiengescllschaftgebildet, und mit Hülfe jener durch Colbert bezogenen Arbeiter die „Uannlao-tnrs rozmls äss Olaoss" zu Paris in der Vorstadt St. Antoine, am Orte derheutigen Caserne von Reuilly begründet, deren erste Erfolge viel versprachen.Doch, trotz aller möglichen Vortheile, die man die sachkundigen Ausländer genießenließ, gaben sie schon binnen Jahresfrist zu vielfachen Klagen Veranlassung, warennamentlich nicht zu bewegen, ihrer übernommenen Pflicht nachzukommen, und,worauf es vor Allem ankam, Franzosen in ihre Kunst, die sie bei geschlossenenThüren ausübten, einzuweihen. So veranlaßte dann Colbert, als die PariserFabrik nicht recht mehr reussircn wollte, eine Fusion derselben mit der Tourlaviller,in Folge deren erstere 1666 eine Succursale der letzteren wurde. Beide kamenunter die Direction Richard Lncas de Nehou's und arbeiteten nun, durch dieRänke der Venetianer nicht mehr behindert, mit eingeborenen Arbeitern erfolgreichfort. Die neue Gesellschaft gedieh unter ihrem tüchtigen Leiter, so wie nach dem1675 erfolgten Tode des Richard Lucas unter seinen Neffen Wilhelm undLouis Lucas, von denen ersterer die Leitung von Tourlaville, letzterer die desPariser Etablissements übernahm, und hier bald darauf (1688) ein neues Verfah-ren, den Spiegelguß, ins Leben rief, dessen Concurrenz die Fabrikation der gebla-senen Spiegel allmälig gänzlich unterliegen sollte. 1691 bereits legte LouisLucas de Nehou dem Könige die ersten vier großen gegossenen Spiegel vor, und
0 Jlg in Lobmayr: Die Glasindustrie, S. 117. — 2 ) gannax: 1-a vsrrsris,x. 107.