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Die Glasfabrikation : mit 201 in d. Text eingedruckten Holzstichen / von H. E. Benrath
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Geblasene Spiegel.

constatirtcn bei dieser Gelegenheit die Theilnehmer der Gesellschaft ausdrücklich,daß er der Erfinder des neuen Verfahrens, das andererseits auch der Pariser BürgerAbraham Thsvart, der ebenfalls ein königliches Privileg auf Anfertigung gegos-sener Spiegel besaß, als seine Erfindung in Anspruch nahnG).

Mit dem Praktischwerden des Gusses trat das Blasen des Spiegelglasesallmälig immer mehr zurück, seit 1806 wurde zu Tourlaville nur noch Fenster-uud Boutcillenglas geliefert, 1824 endlich ging die Hütte ganz ein und wurdendie noch vorhandenen Glasarbeiter nach St. Gobain übergeführt 2).

In dem benachbarten Flandern geschieht einer bereits 1599 privilcgirtenSpiegelfabrik, auf den Besitzungen eines GrafenLalaing, Erwähnung, und 1642erhält der schon a. a. O. als großer Glasindustrieller aufgeführte Savonetti dieausschließliche Befugniß zur Herstellung auch dieses Artikels 3).

Wie wir bereits gesehen, hatte die Fabrikation kleiner Spiegel in Deutsch-land schon spätestens im 14. Jahrhundert festen Fuß gefaßt, doch ist über Eta-blissements, die vor 1695 existirten, nichts Näheres bekannt. Am Ende des 17.und im 18. Jahrhundert wird es auch bei den deutschen Regenten Modesachc,nach dem Muster Ludwig's XIV., eine Spiegelfabrik zu besitzen. Zunächst wer-den unter dem Prunkliebenden Churfürsten und nachmaligem Könige Friedrich III.(I.), durch den Minister Danckelmann, der die Fabrikation der französischenSpiegel in Tourlaville kennen gelernt, französische Arbeiter, von denen Loysel'sBearbeiter einen St. Pierre und einen Brument nennt, nach Brandenburggezogen, und wurde dann mit ihrer Hilfe unter Moor's Leitung die churfürstlicheFabrik zuNcustadt a.d.Dosse angelegt. Da diese Anstalt mitDanckelmann'sSturz ins Stocken kam, wandten sich ihre Arbeiter dem Churfürsten Lothar Franzzu, und legte nun dieser die Spiegelfabrik zu Lohr a. M. an, deren Fortgangnichts zu wünschen übrig ließ. Auch Neustadt erholte sich später wieder, und amEnde des 18. Jahrhunderts, zu welcher Zeit die Fabrikation in Frankreich nachBöse ziemlich in Verfall gerathen war, rühmt derselbe Autor die NeustädterPro-ducte als die besten. In Württemberg wurde bald nach Anlage des Lohrer Eta-blissements die Fabrik zu Schleichach bei Würzburg, in Chursachscn dann zuScuftenberg, in Hessen zu Alten-Kronau, in Braunschweig die herzoglicheSpicgelfabrik zu Grünenplan angelegt, welch letztere zu Anfang unseres Jahrhun-derts bereits Spiegel von bis 160 om Höhe lieferte, und eine nicht unbedeutendeRolle in der Entwickelung der deutschen Fabrikation, wie des Exports von Spiegeln,der von hier aus namentlich nach Rußland stattfand, gespielt. A. C. F. Amelung,1773 bis 1792 Pächter dieses Etablissements, siedelte mit Grünenplaner Arbeiternnach Rußland über, und gründete hier die früher unter der Bezeichnung Spiegel-fabrik unter Woisek, seit etwa 10 Jahren, zu welcher Zeit das Blasen aufge-

r) Ich folge, indem ich Lucas de Nehou als Vater der modernen Spiegelsabrika-tion aufführe, Le Vaillant, der sich auf die Traditionen der Gesellschaft St. Gobainstützt. Cochin'sIlistoirs äs 1a Nanukasturs äss xlavss äs 8aint-6o6ain" habeich leider nicht benutzen, weil bisher nicht erhalten können. Bontemps, sich auf dasPrivilegium Thsvart's und eine gelegentlicheAeußerungBosc d'Antic's stützend, hältThsvart für den eigentlichen Erfinder. ^ Die historischen Angaben nach Le Vail-lant: 1^88 Vsrrsries äs 1a Xormanäis, x. 893 sgg. b) llouäo^: Vsrrsrisv ä!a ta^on äs Vsniss, x. 42 st 60.