Buch 
Des Vitruvius zehn Bücher über Architektur / übers. und durch Anmerkungen und Risse erläutert von Franz Reber
Entstehung
Seite
176
JPEG-Download
 

176

nicht die wahre Wirkung aufzunehmen, sondern es wird öfter derGeist von ihm in seinem Urtheile getäuscht, wie auch bei gemaltenBühnendekorationen die Säulenvorsprünge, die Ausladungen derDielenköpfe und die Bildsäulen hervortretend erscheinen, währenddoch das Gemälde ohne Zweifel nach der Schnur eben ist. In ähn-licher Weise scheinen auch die Ruder an den Schiffen, obgleich sieauch unter dem Wasser gerade sind, doch dem Auge gebrochen, undzwar erscheint der Theil bis dahin, wo sie die Oberfläche des Wassersberühren, gerade, wie sie auch sind; soweit sie aber in das Wassereingetaucht sind, so geben sie in Folge der von Natur aus durchsich-tigen Porosität des Wassers abschwimmende und von ihrer wahrenLinie abweichende Bilder an die Oberfläche des Wassers zurück, unddiese verschobenen Bilder scheinen dort dem Auge den gebrochenenAnblick der Ruder darzubieten.

3. Das aber scheint, sei es nun, daß wir durch den Eindruckder Bilder, oder durch die aus unseren Augen strahlenförmig aus-einandergehenden Kräfte (wie die Naturforscher wollen,) sehen, aufjede der beiden Arten sich so zu verhalten, daß das von den Augengewonnene Bild falsche Urtheile erweckt. 4. Da also das, wasrichtig ist, falsch scheint und Einiges der Wirklichkeit entgegen denAugen richtig erscheint, so glaube ich nicht, daß es noch zweifelhaftsein dürste, daß in Rücksicht auf die natürliche Beschaffenheit derPlätze, oder auf das Bedürfniß Verringerungen oder Verstärkungengemacht werden müssen, jedoch so, daß an diesen Bauwerken nichtsvermißt werde. Dieß wird aber auch durch scharfsinnige Erfindungs-gabe und nicht bloß durch Fachkenntniß in's Werk gesetzt.

5. Daher ist zuerst die Grundlage der zusammenstimmendenMaßverhältnisse festzustellen, von welchen man unbedenklich die ent-sprechenden Maße^ zu entnehmen hat: dann entwickle man von dembeabsichtigten Bauwerke und dem Platze den unteren Raum nachfeiner Länge und Breite, und wenn einmal die Größe desselben be-stimmt ist, so folgt die Einteilung mit Rücksicht auf die Auge-messenheit und auf richtige Verhältnisse, damit den Beschauern derAnblick nicht bezüglich des Ebenmaßes bedenklich sei. Nach welchen

*) eommoäuMtio, statt eommutatio (Marini),