Buch 
Quellenbuch zur Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts für höhere Lehranstalten / von Friedrich Neubauer
Entstehung
Seite
2
JPEG-Download
 

2

Die Geschichte eine Lehrmetstcrin.

geschichtliche Erfahrung in Einzelfragen fördern kann, ist dabei neben-sächlich.Wir wollen", sagt Jakob Burckhardt,durch Erfahrung nichtsowohl klug für ein andermal, als weise für immer werden."

Klare, in sich gefestigte Geschichtsauffassung scheint mir aber geradefür unser deutsches Volk ein Erfordernis von besonderer Wichtigkeit zu sein.Wir haben ja, soweit Erforschung der Geschichte in Frage kommt,im verflossenen Jahrhundert die Führung übernommen und bis heutebehauptet. In bezug auf Entwickelung geschichtlichen Sinnes, geschichtlicherBetrachtungs- und Urteilsweise können wir den gleichen Ruhm nicht inAnspruch nehmen. Wir müßten Schönfärberei treiben, wollten wir unsder Überzeugung hingeben, daß diese Erfordernisse eines starken nationalenLebens in den letzten Jahrzehnten in Deutschland steigende Bedeutung ge-wonnen hätten und in erhöhtem Maße ein hervorstechender Zug unsererBildung geworden wären. Eine Steigerung des antiquarischen Interesses,der verschiedenartigsten Sammel- und Museentätigkeit ist unverkennbar;sie ist gleichsam ein Teil der höheren Lebenshaltung, in die unser Volkhineingewachsen ist. Aber hat die Vertiefung des historischen Verständ-nisses damit Schritt gehalten? An den Universitäten ist die Geschichte einFachstudium geworden, dessen Frequenz sich regelt nach seiner Verwendbar-keit im Berufsleben und demgemäß z. B. jener der sprachlichen Schul-disziplinen nachsteht. Eine größere Hörerzahl kann der Geschichtslehrerhöchstens noch in öffentlichen Vorlesungen um sich vereinigen. Trotz deszunehmenden Fachdrills hat sich ja der deutsche Student, dank seinerakademischen Freiheit, noch immer eine erfreuliche Wertschätzung universellerBildung bewahrt. Dieser Zug, mit dem deutsches Geistesleben stehen undfallen wird, ist der Philosophie einigermaßen treugeblieben, hat aber andie Stelle der Geschichte vielfach die Volkswirtschaft gesetzt, verständlichgenug in einem Zeitalter, dessen Hauptaufgabe es zu sein scheint, diesoziale Schichtung neu zu gestalten und mit ihr Besitzfragen neu zu regeln.Daß die volkswirtschaftlichen Studien vielfach eine historische Richtungnehmen, ist für diese Verschiebung von untergeordnetem Belange. Denndie Kernfrage alles geschichtlichen Lebens liegt in der Erkenntnis der Ent-wickelungsbedingungen staatlicher Gebilde, und die ist und bleibt die eigensteAufgabe historischer Wissenschaft, deren Lösung zwar von den ver-schiedensten Seiten her gefördert, die aber von keiner geschichtlichen Neben-disziplin in die Hand genommen werden kann.

An den Entschließungen, die über Stellung und Bestand unseres Volkesentscheiden, historischer Denk- und Urteilsweise in jeder Instanz ihren be-rechtigten Anteil zu wahren, ist ein Ziel, das im Auge zu behalten geschicht-licher Wissenschaft als eine unerläßliche Pflicht erscheinen muß, um so uner-