Freiherr voin Stein. (Von Friedrich Neubauer.)
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fahren, wie sie den preußischen Staat nur zu bald wieder bedrohten, sichbrieflich unmittelbar an Napoleon zu wenden. Noch wenige Wochen vorihrem Tode hat sie selbst eine neue Begegnung mit ihm für möglich ge-halten. Ferner aber: Königin Luise war bei der Zusammenkunft in Tilsitdoch inne geworden, welcher Riese den preußischen Staat zu Boden ge-worfen hatte, sie hatte gleichsam persönlich die Hand des Schicksals übersich gespürt. Eine gewisse Resignation mischt sich fortan in ihr Gefühls-leben, freilich ohne es auszufüllen oder zu beherrschen.
Nein. Sie resignierte nicht. Sie hatte die ungeheure Übermacht ge-sehen, die augenblicklich unwiderstehlich triumphierte; allein sie hatte dochzugleich auch die sittliche Überlegenheit ihrer eigenen Welt über die WeltNapoleons stärker und inniger als je zuvor empfunden, und ihr frommerGlaube zweifelte nicht an dem endlichen Siege ihrer Welt.
Diese Zukunft, so fern sie scheinen mochte, mitwirkend vorzubereiten,darin sah Königin Luise gerade seit Tilsit ihre Aufgabe.
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Ireiyerr vom Stein.
Von Friedrich Neubauer.
(Aus „Preußens Fall und Erhebung", 2. Aufl., Berlin, Mittler L Sohn, 1809.)
Am 30. September kam Stein in Memel an. Unterwegs hatte erin Berlin mit dem französischen Generalintendanten Daru verhandelt.Dann hatte er den alten Freund Blücher in seinem Hauptquartier Treptowaufgesucht; er fand ihn wie bisher, „brav, ohne Falsch, dem Könige und demStaate ergeben, . . . aber gealtert und nicht mehr so heiter wie früher".Am 1. Oktober war er beim König. Der Empfang war wohlwollend;aber ein innerliches Einverständnis war nicht sofort zu erreichen und istim Grunde auch nie erreicht worden. Fast schien es, als würde einZwischensall alle Hoffnungen im Keime ersticken: die PersönlichkeitBeymes gab den Anlaß; Stein wollte nicht mit ihm arbeiten, der Königihn nicht fallen lassen. Da hat die Königin vermittelt; man einigte sichdahin, daß Beyme das Präsidium des Kammergerichts übernehmen solle,aber erst, sobald die Residenz nach Berlin zurückverlegt sei. So erhieltdenn Stein die Leitung der inneren Verwaltung, dazu den Vorsitz in demDepartement des Auswärtigen und Sitz und Stimme in der militärischenReorganisations-Kommission. Er war in der Tat Premierminister. Nichtganz vierzehn Monate lang ist er Minister gewesen; diese vierzehn Monategehören zu den größten Zeiten, die der preußische Staat erlebt hat.