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Quellenbuch zur Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts für höhere Lehranstalten / von Friedrich Neubauer
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Königin Luise in Tilsit.

vergeistigt schien, gehüllt in ein weißes silberdurchwirktes Kreppkleid, dessenFalten anmutig an den schlanken Gliedern Herabflossen, auf dem biegsamenHalse das stolz erhobene Haupt unter dem Perlendiadem so stand KöniginLuise da, in Schmerz und Trauer, in hingebendem Opfermut eine rührendeVerkörperung von Frauenschönheit und Frauenhoheit. Der Anblick Napo-leons brachte ihr eine Überraschung. Der König hatte ihr gesagt, er habeetwas Gemeines in seinem Aussehen, sie konnte das nicht finden. SeinKopf erschien ihr von schöner Form, der Ausdruck der Gesichtszüge verrietden Denker und den Herrscher; besonders gefiel ihr der lächelnde Mund,und an der ganzen Erscheinung erkannte sie staunend den Typus derCäsaren. Aufatmend unter dem unerwartet günstigen Eindrucke, frei undunbefangen trat sie ihm entgegen und ließ sich von ihm in ein Zimmerführen, während der König zurückblieb und sich mit Murat unterhielt.Sie sprach ihm ihr Bedauern aus, daß er eine solche Treppe zu ihr habehinaufsteigen müssen, beklagte mit leiser Ironie für ihn und seine Truppenden Aufenthalt im nordisch rauhen Preußen. Napoleon, etwas verlegen,wie die Königin bemerken wollte, antwortete mit Komplimenten. Dann,ohne Schwanken, ohne Scheu, kam die Königin rasch auf das, was siehergeführt hatte. Der Kaiser, so begann sie, habe sie angeklagt, sich zuvielin Politik zu mischen, ein Vorwurf, den sie nicht verdient zu haben meineNapoleon unterbrach sie mit der Beteuerung, daß er selbst diese Ausstreu-ungen nicht geglaubt habe gleichviel, sie wolle ihn aufklären über denSchritt, den sie tue. Als Gattin, die des Königs Besorgnisse und Kummerteile, und als Mutter müsse sie den Augenblick benutzen und freimütigmit ihm sprechen. Sie könne nicht annehmen, daß er seinen Sieg miß-brauchen werde. Napoleon erwiderte, es sei nicht seine Schuld, wenn eszum Äußersten gekommen sei; Preußen habe nach der Schlacht von Auer-stedt jedes freundschaftliche Abkommen zurückgewiesen und seine Vorschlägenach Eylau kaum angehört. Die Königin erinnerte mit Recht daran, daßdie Friedensverhandlungen nach Auerstedt nicht von Preußen abgebrochenseien, ging aber auf die Erörterung der Vergangenheit nicht weiter ein,sondern wiederholte, daß sie als Mutter zu ihm spreche, der das Schicksalihrer Kinder am Herzen liege. Auf die Versicherung Napoleons, daß vonder Vernichtung Preußens nicht die Rede sei, bemerkte sie: der Friede dürfeaber auch die Vernichtung in Zukunft nicht vorbereiten, Preußen braucheeinen erträglichen Frieden. Sie gebe sich keiner Täuschung über die Lagehin und wisse, daß Opfer gebracht werden mühten. Aber man solle doch vonPreußen nicht Provinzen trennen, die seit Jahrhunderten dazu gehörten,man solle ihnen nicht Untertanen nehmen, die ihnen wie Lieblingskindepteuer seien. Sie sprach von dem preußischen Volke, das seinem Königshause