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III/1 (1895) [Elektricität und Magnetismus (II)] / unter Mitwirkung von Prof. Dr. F. Auerbach, Dr. E. Brodhun, Prof. Dr. F. Braun, Dr. S. Czapski, Dr. P. Drude, Prof. Dr. K. Exner, Prof. Dr. W. Feussner, Dr. L. Grätz, Prof. Dr. H. Kayser, Prof. Dr. F. Melde, Prof. Dr. A. Oberbeck, Prof. Dr. J. Pernet, Dr. F. Pockels, Dr. K. Pulfrich, Prof. Dr. Fr. Stenger, Dr. R. Straubel, Dr. K. Waitz ; herausgegeben von Dr. A. Winkelmann
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191
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Eisen und Stahl.

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würde also zu einem völligen Gegensätze zu der früheren Anschauung gelangen,wenn man nicht durch weiteren Verfolg der Curve einsähe, wo die Versöhnung zusuchen ist. Die Eisencurve fällt nämlich links von der Ordinatenaxe sehr rasch,die Stahlcurve viel langsamer ab, und der Abscissenwerth, wo die negative Ab-scissenaxe geschnitten wird, also die »Coercitivkraft« im quantitativen Sinne desWortes (pag. 175) ist bei Stahl viel grösser als bei Eisen; mit anderen Worten:der remanente Magnetismus des Stahls ist beständiger als der des Eisens, er kannnur durch eine viel grössere Kraft zerstört werden. Man hat eben früher denFehler gemacht, die Coercitivkraft durch den remanenten Magnetismus zu messen,während es doch zwei selbständige Grössen (Abschnitte der negativen Abscissen-axe und Abschnitt der positiven Ordinatenaxe) sind. Das gehärtete Eisennimmt in allen diesen Hinsichten eine gewisse Mittelstellung zwischen weichemEisen und hartem Stahl ein. Zu besonderer Betrachtung bietet noch das ersteStück der Curve Anlass, welches zu dem eigentlichen Process nicht gehört,sondern die Magnetisirungscurve für »frisches« Material bedeutet. Gerade dieseCurve ist je nach dem Härtegrade sehr verschieden gestaltet, das erste, langsamansteigende Stück ist desto kürzer, je weicher das Eisen ist, die Curve steigt inFolge dessen bei weichem Eisen viel rascher an als bei hartem, und v. Walten-hofen 1 ) hat sogar eine Methode und einen mehrfach vervollkommneten undvereinfachten Apparat vorgeschlagen, um durch Ausmessung dieser Curve denHärtegrad von Stahlsorten zu bestimmen.

Die Form der Eisenkörper bringt auch noch in anderer Weise eine nichtunwesentliche Verschiedenheit mit sich, nämlich in Bezug auf die Homogenitätder gehärteten Eisenmasse. Das Härten wird bekanntlich entweder auf mecha-nischem Wege, z. B. durch Hämmern oder Strecken oder aber ebenso wiedas Weichmachen auf thermischem Wege erzielt, indem der Körper erhitzt,bei einer bestimmten Temperatur abgelöscht, d. h. plötzlich abgekühlt wird,wodurch er hart wird, und dann eventuell wieder geglüht wird, wodurch erseine Härte wieder mehr oder weniger einbüsst. Fast alle diese Processe wirkenaber von der Oberfläche des Körpers aus, erstrecken sich nur abgeschwächt insein Inneres und geben also dünneren Körpern eine homogenere Umgestaltungals voluminösen Körpern, wie denn z. B. der Aehnlichkeitssatz von Thomson(pag. 147) nach H. Meyer 2 ) Barus u. A. lür Stahl seine Gültigkeit verliert,was bei homogenem Material unverständlich wäre. Dabei spielt ferner in leichtbegreiflicher Weise die Ablöschungs- resp. Anlassungstemperatur, die Höhe undDauer des Glühens, Streckens u. s. w., die Häufigkeit der Wiederholung dieserProcesse und noch mancher andere Umstand eine wichtige Rolle, sodass mandie Complikation dieses Problems einsieht und sich nicht wundern wird, wennaus den meisten bezüglichen Experimentaluntersuchungen sichere und allgemeineSchlüsse nicht zu ziehen sind.

Eine der brauchbarsten und werthvollsten Arbeiten dieser Art ist jedenfallsdie von Barus und Strouhal 3 ). Alle erwähnten Umstände wurden hierbei be-rücksichtigt, und die Härte der verschiedenen Drähte, die benutzt wurden, wurdedurch ihren elektrischen Leitungswiderstand bestimmt, eine Methode, die, wieBarus vorher gezeigt hatte, relativ sehr zuverlässig ist. Ein Theil der Ergebnisse

') v. Waltenhofen, Dingl. Pol. Journ. 170, pag. 201. 1863; 217, pag. 357. 1875;232, pag. 141. 1879.

2 ) H. Meyer, Wied. Ann. 18, pag. 248. 1883.

3 ) Barus u. Strouhal, Bull. Un. States Geol. Surv. No. 14. 1885.