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Treppenwitz der Weltgeschichte / von W.L. Hertslet
Entstehung
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29
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Einleitung.

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er vorher gelobt das erste, was ihm aus seinem Hause ent-gegenkäme, zu opfern (Buch der Richter, Kap. 1l).

Und ward eine Gewohnheit in Israel, daß die Töchter Israels jährlich hingehn,

;u klagen die Tochter Jephthahs, des Gileaditers, des Jahrs vier Tage".

Nach Martin Schultze, Handbuch der ebräischen Mytho-logie, 2. Auf!., 1882, S. 96 (das jedoch mit großer Vor-sicht zu benutzen ist), war dieses Fest ein Erntefest, die Tochteralso der Getreidehalm. Weiter wissen wir auch nichts überdieSchattengestalt" Jephthas; (Bleek, Einleitung ßns alteTestament, 4. Ausl., Berlin 1878). Das andere Fest istdas Pur im, vielleicht auch ursprünglich ein Jahreszeitenfest,an welches man später die Feier der Erlösung aus persischerOberherrschaft knüpfte; zu seiner Erklärung ist nachträglich dieziemlich widerliche und zum Teil alberne Geschichte von derKönigin Esther ersonnen worden.

Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, daß die Sageaufhörte zu entstehen, wenn die Möglichkeit einer protokollartigenGeschichtschreibung sie nicht mehr nötig macht. Heinrich vonSybel tadelt:

»die Verkehrtheit der noch immer weit verbreitete» Vorstellung, die Sage selnur eine unvollkommene Geschichte; sie entstehe, wo man noch nicht ordentliche Geschichtezu schreiben gelernt habe, und verschwinde, sobald diese Fertigkeit erreicht sei. Sie istvielmehr ganz eigentümlichen Wesens und hat seste, positive Voraussetzungen, unterderen Einfluß sie aus allen Bildnngsstnscn, im 1S. wie im 1S. Jahrhundert zu tage^stt. Ihre Gebilde erscheinen unfehlbar, sobald die Phantasie derMassen eine starke Anregung erhält; die leitenden Vorstellungenverkörpern sich dann in plastischen Dichtungen, man erzählt, diesUnd jenes sei geschehn, «eil man überzeugt ist, es müsse so geschehn' n". (H. v. Shbel, Geschichte deS ersten KreuzzugeS, L. Ausl-, Leipzig 1881, S..)

Wie wenig überhaupt auf alle bloß mündliche Tra-dition zu geben ist, kann man daraus sehen, wie geringoder wie verwirrt das gewesen ist, was in neuerer Zeit un-civilisierte Völker von den Ereignissen behalten haben, die wirZufällig kontrollieren können:

',Jnr Jahre 1770 wußten die Neuseeländer nichts mehr von Tasmans Landung;doch hatte diese 1643. also weniger als 130 Jahre früher stattgefunden und muß für sie

Ereignis der größtmöglichsten Wichtigkeit gewesen fein.Die Eskimos

^schrieben dem Mackenzie die Engländer als geflügelte Niesen, die mit einem Blicklhres Auges töten und einen ganzen Biber mit einem Male verschlucken konnten."(Sir John Lubbock, ^-'e/rrsLor're Lrnr.es,' eÄÄro-r, London 1873, S. 424 f.)