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Geschichte der alten Grafschaft Thurgau mit Inbegriff der Landschaften und Herrschaften Kyburg, Thurgau, Abtei und Stadt St. Gallen, Appenzell und Toggenburg von ihren ältesten Zeiten an bis zum Uebergang der Landeshoheit an die Eidgenossen
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die eigenthümliche innere Entwicklung jener abgetrennten Landschaftenals auch ihr der Landgrasschaft Thurgau zum Theil fremdes, zumTheil sogar widersprechendes politisches Interesse.

Die Geschichte des Thurgaus ist übrigens weniger politischeGeschichte als Kulturgeschichte oder, näher bezeichnet, Landes- undVolksgeschichte. Der Thurgau bildete nie ein in sich abgeschlossenesselbständiges Gemeinwesen, sondern war auch in den zwei Jahr-hunderten, da er von besondern Gaugrasen regiert wurde, nur Ver-waltungsbezirk des fränkischen und des deutschen Reiches und vorherwie nachher dem Herzogthum Alamannien und Schwaben untergeordnet.Gemäß diesem Verhältniß hatte die Grafschaft keine Befugniß, mitauswärtigen Staaten zu verhandeln oder sonst Politik zu treiben;darum muß sich ihre Geschichte wesentlich in dem Rahmen der Kultur-geschichte bewegen. Für die Einbuße politischen Hochdrucks regierenderMächte findet aber der Geschichtsfreund reichen Ersatz in der Manig-saltigkeit der Landes- und Volksgeschichte, und zwar um so mehr, jedeutlicher Land und Volk durch ihre Eigenthümlichkeiten und Schicksalevon anderen sich unterscheiden.

Durch den Bodensee und Rhein von Alamannien gesondert, bildetesich die thurgauische Bevölkerung, die dem alamannischen Stammeangehört, bald nach ihrer Einwanderung in eigenthümlicher Weise aus,so daß sie sich durch Mundart, Lebensweise und Sitte namentlich vonder schwäbischen Bevölkerung wesentlich unterschied. Wie die Alp-wirthschaft und der Getreidebau im Thurgau sich enge berührten, iso hatten sich am Fuße des Sentis noch rätische Elemente erhalten;dadurch wuchs dem Temperament der Thurgauer Bevölkerung eine siecharakterisirende Beimischung zu, die später durch den Söldnerdienstund durch die Industrie noch gesteigert wurde und besonders seit demAppenzellcr Freiheitskrieg und dem Burgunderkrieg in merkwürdigerWeise hervortrat.

Allerdings sind manche andere Landesgegenden der alamannischenSchweiz in ähnlicher Weltlage und ihre Bewohner ebenfalls mit fremdenElementen versetzt; aber reicheren historischen Stoff aus der mittel-alterlichen, der Bildung der Eidgenossenschaft vorausgegangenen Zeitwird keine andere schweizerische Landschaft ausweisen können; amwenigsten die Wiege der Eidgenossenschaft ; daher erscheint deren Vor-geschichte so dunkel und lückenhaft. Diesen Mangel zu ergänzen ist