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den die gewandte Feder Cäsars auf jeden Leser zu üben pflegt; sie lernteInhalt und Zwecke seiner „Commentarien" mit neuen Mitteln prüfen undgelangte bereits zu Ergebnissen, die den Ruhm des Feldherrn wie des Schrift-stellers erheblich schmälern. Gerade die Auswanderung der Helvetier bot Ge-legenheit zu scharfer Erörterung. Den kecksten Angriff wagte schon vor Jahrenein Deutscher (Max Eichheim), nur vielfach ohne genügenden Grund oder Beweis;was seine Manier vermissen läßt, hat nun ein Schweizer , Dr. Hans Rauchen-stein*), in streng methodischem Verfahren ergänzt und dadurch eine wesentlichneue Darstellung gewonnen, der sich Pupikoser, wäre sie ihm noch bekannt geworden,ohne Zweifel mit Vergnügen angeschlossen hätte. Was ihm nicht vergönnt war,wird hier, freilich nur in gedrängtestem Auszug, nachgebracht, weil die herkömmlicheErzählung schlechterdings nicht mehr haltbar ist.
Verschiedene Anzeichen, und zwar auch Nachrichten bewährter alter Schrift-steller, deuten darauf hin, daß eine Uebervölkerung die Helvetier zur Aus-wanderung drängte; aber die Prüfung aller Umstände ergibt, daß nur einTheil, vermuthlich der jüngere und rüstigere, der weniger mit Weib undKindern beladen war, und höchstens ein Drittheil der ganzen Bevölkerungauszog; dem helvetischen Schwärme mögen sich auch Bruchtheile der gewöhnlichgenannten Nachbarstämme angeschlossen haben. Ohne diese Frage nach allenSeiten zu erörtern, sei noch bemerkt, daß die Mitführung von Lebensmittelnfür drei Monate schon bei bloß 120,000 Köpfen den Zug mit einer Lastvon 110,000 Zentner beschwerte, die, da auf einen Wagen kaum mehr als10 Zentner kamen, eine beträchtliche Länge der Marschlinie bedingte, die sichgegen ein römisches Heer nur mit Blühe behaupten ließ; bei größerer Menschen-zahl mußte dieses Hinderniß iills Ungeheuerliche wachsen. Die angeblich gefundenenTabellen sind pure Erfindung. Die Zahl der Waffenfähigen läßt sich aufhöchstens 60,000 annehmen. Was Cäsar über Orgetorix erzählt, ist, wonicht erfunden, doch sicher stark übertrieben; immerhin dürfen wir annehmen,daß der politische Führer des Volkes kurz vor oder nach dem Auszug starb.Als Heerführer blieb aber Diviko zurück, der zwar schon im Alter von wenigstenssiebzig Jahren stand; was ihn veranlaßte, den Zug zu leiten, kann nur ver-muthet werden. Die Niederbrennung der Städte und Dörfer endlich ist einMärlein, dessen Cäsar freilich bedurfte, um die Helvetier als zum Aeußerstenentschlossene Feinde darzustellen und die Zahlen, die er angab, desto glaub-hafter zu machen.
Zu Ende März (58 v. Chr.) begann der Wanderzug sich vor Genf zusammeln; da man nur friedliche Absichten hatte, so hoffte man von Cäsar,der in Eile nach Genf gekommen war, die Erlaubniß zur Benützung deskürzesten Weges nach dem Lande der Santonen leicht zu erwirken. Der römischeMachthaber versuchte aber die Helveter zu überlisten, erstellte rasch einige
*) Der Feldzug Cäsars gegen die Helvetier. Eine kritische Untersuchung, miteiner vorausgehenden Abhandlung über die Glaubwürdigkeit der CommentarienCäsars zum gallischen Krieg. (Herbst 1882.)