Von Wilhelm v. Giesebrecht.
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Man ist nicht müde geworden, alles Mißgeschick Heinrichs als eineFolge persönlicher Verschuldung zu bezeichnen. Bald sollte es die göttlicheStrafe unnatürlicher Lüste sein, welche die kirchliche Partei ihm nachzu-sagen liebte, aber niemals erweisen konnte. Bald sah man es als die ge-rechte Vergeltung für seine frevelhaften Angriffe auf die römische Kirche an.Aber war Heinrich nicht vielmehr der angegriffene Teil, als der angreifende?Und war es Frevel, wenn er sein Reich und sein Leben verteidigte? Daßer sich die Waffen gegen Rom zu führen nicht scheute, hat man als Auf-lehnung gegen die Kirche, seine und unser aller Mutter, gebrandmarkt.Aber Heinrich war kein Feind der Religion und der Kirche Christi, wie er imLeben und Sterben gezeigt hat, und wenn er der römischen Kirche nicht mitder Liebe des Sohnes begegnete, so hat sie ihm andererseits kaum jemalsdie Zärtlichkeit der Mutter gezeigt. Welche Geständnisse er auch über seineVerschuldung gegen die Kirche in Augenblicken größter Bedrängnis abgelegthat, sie kamen ihm sicherlich nicht von Herzen und wiegen nicht schwerer,als jedes erzwungene Bekenntnis. Man müßte sehr befangen sein, wennman alle Schuld der Zerwürfnisse zwischen ihm und Rom nur seinem Mangelan kirchlicher Pietät zuschreiben wollte.
Allerdings hat Heinrich manches Unglück, das ihn traf, selbst ver-schuldet. Sein Mißtrauen gegen jedermann, sein Trotz im Siege, seineVerzagtheit in unvorhergesehenen Gefahren, seine Unstetigkeit im Verhaltengegen Freund und Feind sind für ihn die Quelle unsäglicher Leiden gewesen.Die Hauptursache seines Mißgeschicks aber war und blieb, daß er gegen diegeistigen Mächte kämpfen mußte, welche seine Zeit beherrschten, und derenvolle Bedeutung er selbst kaum erfaßte. Diese Mächte waren unbezwinglich, so-lange nicht eine neugeborene gewaltigere Kraft über sie kam, und in Heinrichwar eine solche Kraft nicht erstanden.
Heinrichs Gegner haben im Augenblick seines Todes ihren Sieg jubelndgefeiert; der solange gefürchtete Gegner starb überwältigt. Aber deshalbist sein Kampf kein vergeblicher gewesen. Hätten sich Gregors Ideen ohneWiderstand zu finden verwirklichen können, ein auf eigener Kraft ruhendesKaisertum, die Herrschaft der deutschen Nation, selbst ein deutsches Reichwäre fortan unmöglich gewesen. Wenn auch Heinrich über die Feinde seinerKrone nicht den Sieg errang, vielmehr tatsächlich unter ihm das Kaisertummehr als je an Machtfülle einbüßte, so hat er doch kein Recht des Reichesgegen Rom und die Fürsten förmlich aufgegeben. Der unglückliche, ver-folgte Mann in Lüttich hinterließ seinem undankbaren Sohne noch das kost-barste Vermächtnis in den ungeminderten Kaiserrechten. Mit zitternderHand hat er diese bis zur letzten Stunde festzuhalten gesucht; selbst als sieihm der Sohn entwand, sie krampfhaft wiederergriffen, um sie nur sterbend