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Quellenbuch zur Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts für höhere Lehranstalten / von Friedrich Neubauer
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Heinrich IV. (Von Wilhelm Giesebrecht.)

dem rechtmäßigen Nachfolger zu überliefern. Er unterlag allerdings, aberin seinem Falle rettete er noch die Rechte des Kaisertums und des deutschenReiches aus den Wirren der Zeit. Bei seinen Nachfolgern stand es, dieseRechte wieder zur Geltung zu bringen, unter günstigeren Umständen mehrzu leisten, als er vermocht hatte.

Und auch das darf nicht vergessen werden; nur durch Heinrichs Wider-stand ist die starre Konsequenz des Gregorianischen Systems, die absoluteHerrschaft des Papsttums, gebrochen worden. Schon Urban II. hat denweltlichen Mächten große Zugeständnisse machen müssen, größere seine Nach-folger. Das Ende des Jnvestiturstreits war ein Konkordat, in welchem sichKaisertum und Papsttum als oberste Gewalten der abendländischen Christen-heit nebeneinander anerkannten. Noch war dieser Streit nicht beendet; derSohn nahm ihn als eine Erbschaft des Kaisertums auf. Schon darauserhellt, daß der Vater nicht für eine persönliche Sache, sondern für das Rechtdes Reiches und der Nation die Waffen ergriffen hatte. Um nicht Ge-ringeres handelte es sich bei diesem Streite, als um den Prinzipat über dieabendländische Welt, und sein Ausgang hat für die weitere Entwickelungder Kirche und der Staaten des Occidents die Entscheidung gegeben.

Heinrich IV. stritt für die Herstellung vergangener Zustände, er be-kämpfte die neuen Gewalten der Zeit. Aber aus seiner Gruft entstiegendie Vorahnungen einer Epoche, wo sich neue Kräfte in unserer Nation ent-wickeln sollten, welche sich jenen Gewalten gewachsen zeigten, denen er selbstunterlag. Zu seiner Zeit und im Anschluß an ihn traten die deutschenStädte zuerst handelnd in die Geschichte ein: ihr Widerstand gegen diedeutschen Fürsten wurde damals gebrochen, doch ihre Kraft erstarkte imLaufe der Zeit, und Tage kamen, wo die Fürsten vor den Bürgern zitterten.Um Heinrich hat sich auch die erste Opposition des deutschen Klerus gegendas System Gregors und das von demselben beherrschte Papsttum gebildet:zu schwach gegen die gewaltige Strömung jenes Jahrhunderts, wurde sieüberwältigt, aber sich wieder und wieder erhebend und wieder und wiederunterdrückt, wuchs sie doch allmählich zu unbezwinglicher Stärke und gewannweltgeschichtliche Siege. Da gedachte man Heinrichs und seiner Kämpfe;mit Begier zog man jedes Schriftstück an das Licht, welches von dem kaiser-lichen Gegner Hildebrands Kunde gab.

Nicht vergeblich hat Otto der Große das deutsche Kaisertum erhöht,nicht vergeblich Heinrich IV. das kaiserliche Recht bis zum letzten Atemzugverteidigt. Dichtes Grün umwuchert den morschen, vom Sturm nieder-geworfenen Stamm.