264
Die Deutschen.
Tode nicht mehr Zeit und Kraft, viel zu erzählen, und dochliefert er einen recht ausführlichen, in sich zusammenhängendenBericht. Kurz die ganze rührende Geschichte vom „PagenLeubelfing" ist nicht zu halten. Er mag an der SchlachtTeil genommen haben, auch gefallen sein, begraben ist er inder St. Wenzels-Kirche in Naumburg, wo der Leichensteinnoch zu sehen ist — das übrige samt dem „letzten Wort"Gustav Adolfs ist erfunden. — Wir sind über den„Pagen Leubelfing" weitläufiger gewesen, alsdieSache anscheinend verdient, weil sie ein LichtwirstaufdieZuverlässigkeitderjenigen Familien-überlieferungen, auf denen die römische Ge-schichte zum großen Teil beruht (s. S. 127). KonradFerd. Meyer in seiner Novelle „Page Leubelfing" hat zumÜberfluß aus dem Pagen ein verkleidetes Mädchen gemacht,das dem König aus Liebe folgt (!), eine Nachahmung vonByrons Lara.
Wenden wir uns von der unerquicklichen politischen Ge-schichte dieser Zeit zur Litteratur, so treffen wir auf vier un-gefähr damals entstandene, noch heute bekannte Lieder, mitderen Ursprung verschiedene Sagen verknüpft worden sind,und zwar sind unter den Liedern ein weltliches und drei kirchliche.Jenes ist Simon Dachs (1605—1659) „Ännchen vonTharau". Es war zuerst, abweichend von Dach's andernPoesien in samlündischer Mundart gedichtet; Herder aberübertrug es ins Hochdeutsche in seinen „Stimmen der Völkerin Liedern", wodurch es allgemein bekannt wurde. InsEnglische ist es später durch den Amerikaner Longfellow über-setzt worden. Man hat nun bis in die neueste Zeit erzählt,der Dichter habe es an die liebliche Tochter des Pfarrers AndreasNeander zu Tharau in Ostpreußen gerichtet, der er in herz-licher Liebe zugethan gewesen sei, die ihn aber verschmähthabe. Diese Annahme einer unglücklichen Liebe hat nicht nurin einem Gedicht von Gabriel Seid! Ausdruck gefunden,