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Treppenwitz der Weltgeschichte / von W.L. Hertslet
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305
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Die Deutschen.

305

„Als die Königin uns im Schloß von Schwebt auf unserer Fluchtreise einholtennd wir ihr aus der großen Treppe entgegeneilten, blieb sie stehen, umarmte unsund sagte etwa folgende Worte zu uns: „„Ihr seht mich in Tränen; ich beweinedas schwere Geschick, das uns getroffen hat. Der König hat sich in der Tüchtigkeiteiner Armee und ihrer Führer geirrt und so haben wir unterliegen sollen undmüssen flüchten.""

In den meisten Biographien der Königin wird diese An-rede folgendermaßen erzählt:

»Ihr seht mich in Tränen; ich beweine den Untergang meines Hauses, denUntergang unseres Ruhmes; es giebt keinen preußischen Staat mehr. Ach, meineSöhne, ihr seid in dem Alter, wo euer Verstand die großen Ereignisse, die uns jetztheimsuchen, fassen und fühlen kann; ruft künftig, wenn eure Mutter nicht mehr lebt,diese unglückliche Stunde in euer Gedächtnis zurück; weinet meinem Andenken Tränen,wie ich sie jetzt in diesem schmerzlichen Augenblicke den: Umsturz meines Vaterlandesweine! Aber begnügt euch nicht mit den Tränen allein; entwickelt eure Kräfte, werdetMänner, handelt, laßt euch nicht von der Entartung dieses Zeitalters hinreißen.Befreiet dann euer Volk von der Schande, dem Vorwurf und der Erniedrigung,worin es schmachtet, suchet den jetzt verdunkelten Ruhm eurer Vorfahren von Frank-reich zurückzuerobern. Könnt ihr niit aller Anstrengung den niedergebeugten Staat»icht wieder aufrichten, so sucht den Tod, wie ihn Louis Ferdinand gesucht hat."

Dieser Text ist unhistorisch; die edle Fürstin dürfte auchschwerlich in der Stimmung gewesen sein ihren Söhnen in derEile gleichsam ein ganzes Programm für die Zukunft zu ent-werfen. Kaiser Wilhelm I. hat darüber zu Kögel bemerkt:

„Jene Gedanken nnd Worte mag die Königin zu unserem Erzieher Delbrück dortUnd wohl auch später gesagt haben, denn wir haben sie später ebenso von ihm zu unsüußern hören."

Goethes tiefsinnige Verse:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

Wer nie die kummervollen NächteAuf seinem Bette weinend saß,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte;

soll die Königin Louise auf ihrer Flucht vor Napoleon,"ach der Darstellung eines vor einiger Zeit viel bewundertenBildes von Hans Heydeck, in das Fenster einer BauernhütteWit ihrem Diamantringe eingeschrieben haben. Das Bild istsohr hübsch, aber was es darstellt, hat nie stattgefunden. DieEönigin liebte diese Verse jedoch sehr und hat sie am 3. De-^mber 1806 auf der Flucht vor Napoleon in Ortelsburg in's" Tagebuch geschrieben. — Aus derselben Zeit erwähnen

daß Courbiöre, 1806 aufgefordert die Festung Graudenzö" übergeben, auf die Mitteilung, es gäbe keinen König vonTreppenwitz. 20