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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Fünfter Brief.

stand pflegt man, weil ein ähnliches bei dem gespanntenBogen stattfindet, als den der Spannung zu bezeichnen,und sagt also z. B., dafs die Säure und Basis gegen-einander gespannt sind, weil jede nur mit Gewalt von derandern entfernt gehalten werden kann, indem ihr innererDrang darauf geht, die andere zu absorbieren und zugleichsich von ihr absorbieren zu lassen. In diesem selben ge-spannten oder polarischen Verhältnis stehen nun auchdie, welche, mit Aristoteles zu sprechen, nicht ohne ein-ander leben können, Mann und Weib, und dem schon imMagnetismus und der Elektricität sich zeigenden Gesetzegemäfs, nach welchem das Ungleichnamige sich anzieht,das Gleichnamige sich abstöfst, verlangt eines nach derVereinigung mit dem andern. Dieses Sich-suchen ist, wiees schon die älteste Urkunde des Menschengeschlechtssagt, und wie es später Plato , freilich mehr scherzhaft,wiederholt, ein Streben nach der verloren gegangenenHälfte, mit der sich der einseitige Mensch zum ganzenMenschen ergänzt, es ist wirkliche Wahlverwandtschaft,welche zu der völligen Vereinigung bringt, die wir mitdem Worte Liebe bezeichnen, indem wir so das Wort,welches überhaupt das Gegenteil von Egoismus bedeutet,auf diejenige Erscheinung beschränken, in der zuerst dieTrennung der spröden Herzen auf hört, indem zwei einHerz und eine Seele werden, weil der Gegensatz von Ichund Du, Mein und Dein verschwunden ist. Es liegtübrigens eben darum auch auf der Hand, warum diegegenseitige Liebe zur Ehe, d. h. zur ewigen Liebe, undzwar zu Monogamie werden mufs. Ein Vorbehalt hin-sichtlich der Zeit, ein Vorbehalt, sein Herz auch mitandern zu tauschen, wäre das Bekenntnis: man habenicht sein ganzes Herz hingegeben, d. h. man liebe nicht.

Indem ich nun zur rein psychologischen Betrachtungder Liebe übergehe, mufs zuerst das Entstehen derselben