SIEBENTER BRIEF.
Im nächtlichen Schlafleben erschien der Mensch vonseiner positiven Seite, versunken in die Tiefe seines We-sens, eingekehrt in den dunkeln Schacht dessen, was erist, ohne davon zu wissen; umgekehrt in seinem Tages-leben , d. h. da, wo er wacht. Hier zeigt er sich inseinem negativen, differenzier enden Charakter, er arbeitetund kämpft, weifs von der Aufsenwelt und unterscheidetsich von ihr oder tritt zu ihr in Verhältnisse. Sollte esnicht möglich sein, dafs dieser Gegensatz noch näheran sein Wesen heranrückte, und wenn dies geschähe, wiewürde er sich gestalten? Offenbar wäre es der Fall,wenn nicht nur abwechselnd und zu verschiedenen Zeiten,sondern gleichzeitig und fortwährend neben seinem wachen,der Aufsenwelt aufgeschlossenen Leben, der Mensch nochein anderes führte, welches man mit einem, dem poetisch-sten und liebenswürdigsten Psychologen abgeborgten Aus-druck die „Nachtseite seines Lebens“ nennen könnte.Diese Nachtseite an ihm würde dasselbe sein, was Schlafgewesen war, als er den Menschen mit Ausschlufs derandern Seite acht Stunden ganz und allein beherrschte,müfste aber aus demselben Grunde anders bezeichnet wer-den, aus Avelchem wir nicht, oder doch nur bildlich sagten,dafs jeder beim Einschlafen zum Weibe werde. Dafs aberdieser hier gesetzte Fall wirklich stattfindet, und man in
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