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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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SECHSTER BRIEF.

Was Ihre Schwester mir sagen läfst, klingt etwasnach der Sphinx: Tadeln und weitere Auskunft verlangendürfe sie ja nicht, da ich ein Mann sei und sie ein Mädchen;loben und sich befriedigt erklären wolle sie auch nicht,weil sie ein Mädchen sei und ich ein Mann. Nachdemich lange vergeblich gegrübelt, begnügte ich mich mitdem, was ich ganz richtig daraus entnahm, freilich aberschon vorher gewufst, dafs ich des Oedipus Genie nichtbesitze, und überdachte mir den Gegenstand, den ichheute zu besprechen habe. Diesmal haben eigentlich Sieselbst den Übergang gemacht. Sie fragen mich nämlich,wenn im Begriff des Menschen dieser grofse Zwiespaltder Natur (es ist doch erschrecklich, dafs diesenAusdruck bei mir immer, wie ein tartinischer Ton, derName Oerindur begleitet), oder diese Polarität liege,die uns im Gegensatz der Geschlechter sichtbar wird, soalso, dafs die Menschheit ohne ihn gar nicht denkbar ist,ob man da nicht eigentlich zu einer seltsamen Folgerungversucht werde. Was im Begriff des Menschen liegt, dasmufs doch offenbar von jedem nicht nur Menschenpaar,sondern Menschen gelten. In jenem Begriff den grofsenpolarischen Gegensatz annehmen, heifse also eigentlichsagen: Wollen wir den (und also auch einen) Menschenso denken, dafs wir sein Wesen ganz erschöpfen, so