112
Fünfter Brief.
Hause die Stellung einer solchen bekommt. Bei manchenandern Ehen ist bald nach der Hochzeit aus dem väter-lichen Schützer ein wegwerfender Protektor, aus dertöchterlich verehrenden Gattin ein eigenwilliges Kindgeworden. In dergleichen Rückschlägen rächt sich diemifshandelte Natur, und es bedarf der Kunst des charakter-starken Willens, damit das allendliche Resultat ein gesundeseheliches Leben werde. Neben diesen Bestimmungen, dieaus der Natur der beiden Geschlechter folgen, und darumallgemeingültig sind, wird bei dem Entstehen der Liebenoch die individuelle Wahlverwandtschaft eine wichtigeRolle spielen, welche sich darauf gründet, dafs jedesIndividuum als nach seiner Ergänzung nach dem verlangenwird, was ihm abgeht, und was ihm die gesuchte Hälftezubringt. Wenn ich nun auch hierbei nicht so weit gehe,zu behaupten, dafs immer der Schwarze die Blonde, dieKleine den Langen lieben werde, so habe ich doch schonbei Gelegenheit der verschiedenen Temperamente daraufhingewiesen, dafs ein gewisser Kontrast hier nötig ist, unddafs z. B. Eigensinn und Eigensinn schlecht zusammen-pafst, ist ebensowenig zu verwundern, als dies, dafs Stahlund Messing sich weniger reiben, als Stahl und Stahl,oder Stein und Stein.
Wichtiger als die Regeln für den Moment, wo sie amwenigsten befolgt werden, könnten die erscheinen, welchedas Verhältnis der beiden Geschlechter betreffen, dort, wodie Liebe erwacht ist und Erwiderung findet. Ich könnteebenso gut sagen: ihre Stellung in der Ehe, da ich bereitserklärt habe, dafs jede wahre Liebe zur Ehe werdenmufs, und Ehe mir nichts anderes ist als unverbrüchlicheund darum eben heilig gesprochene Liebe. Auch derSprachgebrauch nennt die Verhinderung der Ehe eineunglückliche, d. h. verunglückte Liebe. Sieht man nunhier auf das Zustande-kommen einer solchen Verbindung^