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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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Fünfter Brief.

nicht ableiten, und ich gestehe, dafs sie mir immerein sehr merkwürdiges Problem gewesen ist. Da dasVerhältnis zwischen Vater und Tochter immer ein vielzärtlicheres ist, als zwischen Vater und Sohn, woher derso häufig vorkommende Wunsch gerade bei den Väternnach Söhnen, der ja bekanntlich bei manchen fast bis zumWahnsinn geht? . Ich glaube, dafs wir den Grund nichtin der Natur des Menschen, sondern in künstlichenVerhältnissen suchen müssen. Dafs in einer altenFamilie der Wunsch herrschend ist, den Namen nichtaussterben zu lassen, ist in der Ordnung. Wo es Manns-lehen giebt, ebenso. Dafs aber, wo alles dies nichtstatt hat, ein Mann, wenn er nur ein Kind haben soll,durchaus sich einen Sohn wünscht, das halte ich für eineFolge davon, dafs wir von Jugend auf dies bei den Männernso gefunden und uns gewöhnt haben, es für natürlich zuhalten; die Tradition selbst aber halte ich für einenÜberrest der barbarischen Zeit, wo man die gleicheBerechtigung beider Geschlechter nicht anerkannte, son-dern den Mann für etwas Besseres hielt als das Weib.Das gröfste Glück für eine Familie sind gewifs Kinderverschiedenen Geschlechts, damit alle Familienrelationenerlebt werden, die Schwester erfahre, wie man den Bruderund wie man die Schwester liebt. Soll aber nur e i n Kinddie Ehe beglücken, so halte ich es für einen Beweisgesunder, naturgemäfser Entwickelung, wenn sich derVater eine Tochter, die Mutter einen Sohn wünscht; dieErfahrung lehrt, dafs dieser Wunsch sich am seltensten,der entgegengesetzte sehr oft durch schmerzliche Er-fahrungen, als thöricht erweist.

Es ist nicht die Furcht, in Ihren Augen sonst garzu sehr als Anhänger der alten Schule zu erscheinen,sondern es ist der Gang meiner Reflexionen, der mich dahinbringt, da ich es eben als eine Barbarei bezeichnet habe,