Sechster Brief.
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müssen wir in ihm einen solchen Gegensatz annehmen,wie uns das männliche und weibliche Geschlecht darbietet,er mufs sich selbst, wie jene beiden untereinander,entgegengesetzt sein. — Bester Freund, ich bin so weitentfernt, diese Folgerung zu leugnen, dafs vielmehr ichbeim Lesen derselben mich des Gedankens gar nichterwehren konnte: es ist, als hätte jemand dein Kollegien-heft geplündert. Sie haben ganz recht, es ist gerade,wie Sie sagen, der Mensch ist wirklich nicht vollständiggedacht, wenn er nur als eine Seite jenes Gegensatzesgedacht wird, sondern er mufs gedacht werden als siebeide an sich darstellend. „So gäbe es also, was dieAlten vom Tiresias gefabelt haben?“ Ganz richtig, ichgehe so weit, zu behaupten, es ist gar kein Menschdenkbar, der nicht in gewissem Sinne ein Tiresias , undes existiert keiner, sei er nun Mann, sei er Frau, deres nicht wäre. Ich habe sogleich, um das Paradoxonzu mildern, hinzugefügt: in gewissem Sinne. Wie ichnämlich in einem frühem Briefe *) bemerkte, dafs mannur im uneigentlichen Sinne sagen könne, ein bestimmtesTemperament wiederhole sich in einem bestimmten Lebens-alter, weil ja unter Temperament die durchs ganze Lebendauernde unveränderliche Beschaffenheit gemeint war,während ein Lebensalter nur einen Teil der Lebensdauerbezeichnet, ganz ebenso mufs ich hier dieselbe Bemerkungwiederholen. „Mann“ nennen wir den Menschen, soferndas, was wir als das Eigentümliche der männlichen Naturerkannt haben, ihn so ganz und allein beherrscht, dafs dieentgegengesetze Eigentümlichkeit ihm mangelt. Solltesich nun aber nachweisen lassen, dafs der ganze Gegensatzin dem einen Menschen gedacht werden mufs, so dafs, was,als das ganze Wesen des Menschen bestimmend, seine
: ) Vierter Brief p. 78.