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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Sechster Brief.

Männlichkeit oder Weiblichkeit hiefs, jetzt nur eine Seiteseines Wesens ausmacht, so werden wir hier natürlichandere Worte wählen müssen, um das zu bezeichnen,worin sich jenes wiederholt. Es wirddasselbe nur ganzanders sein, etwa wie sich im Staat, was das ganzeWesen der Familie ausmacht, als eine Seite zeigt, alsdie Nationalität, die darum so viele Ähnlichkeit mit derFamilien Verbindung hervortreten läfst, obgleich es falschwäre, darum den Staat nur für eine erweiterte Familiezu erklären.

Ich hatte in meinem letzten Briefe das Wesen desWeibes als das positive bezeichnet, weil es das mit sicheinige ist; ich hatte es in seiner seligen Unschuld mitdem pflanzlichen Leben verglichen und hatte immerhervorgehoben, wie die Schönheit des weiblichen Naturellsdarin bestehe, dafs die heftigen Kämpfe hier fehlen undkeine Spuren nachlassen, indem das gesunde Weib inunmittelbarer Hingabe an die Sitte, an den Glauben derKirche, dem Schofse höherer (substantieller) Mächte sichnicht entwinde, von ihnen durchweht und durchlebtwerde, während die negativ männliche Natur, in allenBeziehungen jener entgegengesetzt, den (tierischen) Mannin den Kampf, in die Differenz mit der Aufsenwelt,hineinjage. Soll nun, was das Eigentümliche jener bei-den Geschlechter ausmachte, als entgegengesetzte Natur-beschaffenheit eines und desselben Individuums erscheinen,so kann dies nur so geschehen, dafs es zwei sich entgegen-gesetzte Zustände erlebt, deren einer jenen positiven,der andere den negativen Charakter hat. Diese beidenZustände werden als entgegengesetzte sich der Zeit nachausschliefsen, also aufeinander folgen, sie werden aber,da sie dem Menschen ganz gleich wesentlich sind, inkeiner Hinsicht einen Vorzug vor einander haben dürfen,also auch nicht darin, dafs einer nur voranginge, der