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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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135
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Sechster Brief.

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andere nur nachfolgte, beide werden sowohl vorangehenals nachfolgen, d. h. abwechseln, und das Individuumwird also ein abwechselndes Hervortreten polarischentgegengesetzter Zustände darbieten, indem es bald insich zurückkehrt und gleichsam zur Pflanze wird, baldwieder tierähnlich existiert, indem es gegen die Aufsenweltreagiert. Dafs diese Zustände Schlafen und Wachensind, ahnen Sie, dafs aber in jenem sich das weibliche,in diesem das männliche Leben (natürlich nur so wieim Mannesalter das cholerische Temperament) wiederholt,das hoffe ich, trotz alles Naserümpfens meiner schönenLeserin, nachweisen zu können.

Wie den Frauen sehr oft in psychologischen Unter-suchungen über die beiden Geschlechter sehr übel mit-gespielt wird, weil die Psychologen Männer zu sein pflegen,ganz ebenso ergeht es dem armen Schlaf in der Regelsehr übel, weil alle Untersuchungen über ihn von Wachen-den angestellt werden; ma.n sieht es als einen Beweis vonFleifs und Gott weifs welcher Yortrefflichkeit an, wenneiner darüber klagt, dafs wir ein ganzes Dritteil unsersLebens verschlafen, und sehr selten findet sich einer(wenigsten unter uns, denn die indischen Philosophenkehren es ganz um), welcher sich ernstlich die Frageaufwirft, ob nicht mit demselben Rechte ein andererdarüber klagen könnte, dafs wir zwei Dritteile unseresLebens verwachen? Schon die blofse Erfahrung,welche beweist, dafs das Schlafen und das Wachen ganzgleich notwendig ist, indem man sich ebensogut krank,ja verrückt wachen kann, als mancher sich krankund verrückt schläft, schon diese sollte den Gedankennahe legen, dafs keine dieser beiden Erscheinungen gegendie andere zurückgesetzt werden darf, und dafs diesprüchwörtliche Redensart nicht zu verachten ist, welchedem, der da stets das Schlafen als ein Nichtsthun ansieht,