136
Sechster Brief.
entgegenhält, dafs 7 wer da schläft, nicht sündigt. Manmufs nämlich dies festhalten, dafs diese beiden Zuständeentgegengesetzte Eichtungen darbieten, denen alles Lebenunterliegt. In der pflanzlichen Welt ist der Gegensatzdes Sauerstoff- und Kohlenstoffaushauchens als an seineBedingung an die Wirkung des Sonnenlichts gebunden,und wenn Sie einmal Gelegenheit gehabt haben, kurzvor Sonnenuntergang durch einen Ol- oder Pinienwaldzu fahren, und in jenen seltsamen Zustand gerieten, wouns so orientalisch märchenhaft wird, so werden Siewissen, was ich meine, wenn ich sage, der Wald schläftein (wenn es nicht vielleicht richtiger heifst: er wachtauf). Viel augenfälliger nun als bei den Pflanzen trittder Unterschied zwischen dem Schlafen und Wachen beiden Tieren und Menschen hervor. Bleiben wir nun beidiesem letztem stehen, so giebt der Umstand, dafs derSchlaf der primitive Zustand ist, indem im embryonischenZustande der Mensch nur schläft, gleich nach der Geburtaber nur in den kurzen Augenblicken nicht schläft, woer arbeitet, d. h. ifst, ich sage, dieser Umstand giebtschon einen Fingerzeig, was der Schlaf ist. Er ist einZurücksinken in den Zustand, der, weil dort die vegetativeFunktion die Hauptsache war, mit einem der Pflanzenweltabgeborgten Namen das Fruchtleben genannt wird, undes ist mehr als ein Bild, wenn wir von dem gesundenMenschen sagen, er erwache aus dem Schlafe ganzneugeboren. Darum auch finden wir, dafs alle dieFunktionen, von denen das Vegetieren des Menschenabhängt, Atemholen, Verdauung, .Blutumlauf u. s. w., imSchlaf fortdauern, ja, obgleich es nicht richtig ist, dafssie absolut genommen sich steigern, doch die fast ganzverschwindenden animalischen Thätigkeiten weit über-wiegen, was erklärlich macht, warum der Schlaf so oftals Krise, immer als ein gutes Zeichen, in Krankheiten