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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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139
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Sechster Brief.

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gewinnt, dafs er da in die Welt trete, wo es nur einFrauenleben giebt? Sagt doch der arme Arbeitsmann, erfeiere von der Arbeit, und Sie wollen es eine Ruchlosigkeitnennen, wenn man von den Feierstunden sagen will, ihreKonstellation sei das Sternbild der Jungfrau, während dieWerktage unter das des Löwen oder irgend einer andernBestie fallen? Zeige ich mich nicht vielmehr als einfast buchstäbelnder Anhänger jener uralten Erzählung,welche das Weib zur Hälfte des schlafenden Menschenmacht? Ich sage: fast. Denn genau genommen sageich vielmehr: Schlafend zeigt der Mensch die weiblicheHälfte seines Lebens. Nach dieser Apostrophe wendeich mich wieder an Ihren Bruder.

Weil beide Zustände im Begriff des Menschen liegen,eben deswegen ist kein Moment denkbar, der nicht untereinen dieser Zustände fiele, und kein gesunder Mensch,der nicht schliefe, oder wachte. Das letztere kann nunnicht gesagt werden von einem Zustande, von dem ichzwar überzeugt bin, dafs er bei allen Menschen vorkommt,den ich aber dennoch einen zufälligen nennen mufs, weiler bei einem Individuum fehlen könnte, ohne dafs dieseine Abnormität im eigentlichen Sinne, d. h. Krankheit,wäre. Ich meine nämlich den Traum, unter dem ichnichts anderes verstehe, als das Hineinziehen des wachen(Tages-) Lebens in das nächtliche Schlafleben, oderumgekehrt*). Dies letztere unterstreiche ich, weil iches für unrichtig halte, dafs die Träume als ein Privilegiumder schlafenden Menschheit angesehen werden. Es istkeine bildliche Redensart, wenn man von dem Menschen,der mit offenen Augen nicht sieht, sondern vor sichhinstarrt, in sich versunken wie der Schläfer, wenn manvon diesem sagt, er träume oder gebe sich Träumereien

') Vgl. Ernste Spiele. XII. Das Träumen.