Buch 
Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
Seite
148
JPEG-Download
 

148

Siebenter Brief.

der That von einem zweifachen Leben des Menschensprechen mufs, welches nicht etwa durch ein Grab ge-schieden ist, sondern beides diesseits des Grabes fällt, diesnachzuweisen ist die Aufgabe meines gegenwärtigen Briefes.Dafs hier Zustände Vorkommen werden, welche etwasTraumartiges darbieten, wird Sie nicht wundern dürfen,war ja der Traum aus Wachen und Schlafen gleichsamgemischt, oder auch Mittelzustand zwischen beiden;was wir dagegen hier betrachten wollen, soll ja, wennsanders dergleichen giebt, eine höhere Einheit beider sein.Es würde sich zum Traume also etwa so verhalten, wiezu dem Gemisch von Sauerstoff und Stickstoff die Salpeter-säure, welche der durchschlagende elektrische Funke ausjenem bildete. Alle die Erscheinungen weiter, die ich hierIhnen vorführen will, hat man als rätselhafte bezeich-net. Mit Recht, denn seit dem berühmten Rätsel derSphinx ist jedes Rätsel aus entgegengesetzten Bestimmun-gen zusammengesetzt, und insofern ein Widerspruch, wel-chen der löst, der das Wort des Rätsels gefunden hat.Gerade so sind auch diese Zustände Rätsel, sie zeigenEntgegengesetztes zugleich, und fordern von uns, diesenWiderspruch zu lösen, indem wir erraten,was das ist,d. h. ihr Wesen deuten. Den Aufgeklärten, welche, wosich schwierige Knoten zeigen, dieselben nicht einmal zuzerhauen, sondern ihnen nur den Rücken zuzukehrenpflegen, damit sie wie für den Straufs die Gefahrverschwinden, diesen fehlt begreiflicherweise die Lösung.Sie haben das Wort des Rätsels nicht, und deshalb wollensie auch nicht Wort haben, dafs es einen Sinn habe; sieantworten, wie mancher der Sphinx geantwortet habenmag:das ist dummes Zeug, dafür aber werden sie auchin das Meer des Nichtwissens geworfen. Genug der my-thologischen Spielereien, zurück zu unserm Thema.

Zuerst einiges, um uns zu orientieren und hinsichtlich