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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Siebenter Brief.

lust), so ist es nicht als etwas Undenkbares zu ver-werfen, dafs ich ihr Erkranken so empfinde, wie in denoben betrachteten Fällen das meines Leibes. Dieses un-mittelbare Empfinden aber der herannahenden Änderung,gewöhnlich Fährdung, meiner Welt, dieses nenne ich ebenAhnung. Das Gefühl von Angst, welches von dem eignenZimmer entfernt, in welchem dann die einfallende Deckedas Bett zertrümmert, wie in jener bekannten Geschichtevon de Wette, ist nur erweitert, was das Vorgefühl derKrankheit war; die Todesangst, die den Sohn überfälltbeim Gedanken an seine Mutter, nur eine Steigerungdessen, was der Bewohner der Shetlandsinseln empfindet,wenn sich der eigne Tod ankündigt. In dem gesundenLeben des Kulturmenschen erklingt diese Stimme nicht;wo sie laut wird, ist das ein Beweis, dafs das klare Be-wufstsein deprimiert ist, das Gehirnleben, meistens wegenÜberreizung, weniger Energie zeigt. Ich denke immermit Verehrung an die Frau, die, als ihr Sohn ein, nament-lich für ihn sehr wichtiges Familienereignis infolge einesTraumes vorausgesagt hatte, ihm riet, nicht so spät indie Nacht hinein zu arbeiten. In solchen Augenblickenmomentaner Schwäche allein hört man auch dergleicheninnere Stimmen, sonst hat man an anderes, besseres zudenken. Eben daher kommt es, dafs sie aufser dem Zu-stande der Abspannung auch noch in den Zuständen ver-nommen werden, wo das Gehirn ausruht, im Schlaf undTraum. Was vielleicht den ganzen Tag über in uns ge-summt hatte und nicht gehört ward vor Geschäften undGedanken, das wird hörbar, wo alles andere schweigt.Ob aber eine Ahnung oder ein Instinkt im Wachen oderim Traume empfunden wird, so mufs dies festgehaltenwerden, dafs, wie dies Gefühl sich gestaltet, ganz zu-fällig ist. In jener Geschichte, welche de Wette passiertsein soll, hat das Erblicken seines Ebenbildes ihn ver-