Buch 
Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
Seite
175
JPEG-Download
 

Siebenter Brief.

175

Verrücktheit ohne ein bleibendes Derangement im Gehirn,so dafs die Verrücktheit ebenso vom Fieberdelirium wievon der Dummheit unterschieden ist. Da die Verrückt-heit ein Herausgerücktsein aus dem Centrum ist, von demaus der Mensch sich selbst und seine Welt überschaut,und alles an seinen rechten Ort setzt, so kann natürlichdie Heilung des Verrückten nur darin bestehen, dafs erwieder in dieses Centrum zurückgebracht wird. Es istdaher begreiflich, warum manche behauptet haben, dafserst dann wirkliche Heilung statt habe, wenn der Krankeauch dies wisse, dafs er verrückt (nicht etwa nur fieber-krank) gewesen, und davon in seiner Gegenwart gesprochenwerden könne. Es versteht sich, dafs das Verlangen, mitjedem Menschen davon zu reden, wie es manchmal beieben Hergestellten vorkommt, ebenfalls krankhaft ist. Daeine Verrücktheit ohne eine festgewordene Unordnung imGehirn nicht möglich ist, so mufs natürlich eine Behand-lung des Organs mit der des Innern Hand in Hand gehen.Was diese letztere, die psychische Behandlung betrifft, soist man von dem, was früher oft angeraten ward, in dieverrückten Ansichten des Kranken einzugehen und zu tliun,als glaube man an alles, was er sich einbildet, zurück-gekommen, und wie man die Kur damit anfängt, ihn ausseiner gewöhnlichen Umgebung herauszubringen, ebensotreten die vernünftigem und glücklichem Irrenärzte jedemWahn auf das Entschiedenste entgegen. Sie verhehlen esnicht, dafs sie den Verrückten für verrückt halten, underlangen damit sehr bald, dafs der Kranke sich wenigstensin ihrer Gegenwart anfängt zu beherrschen. Damit istschon viel gewonnen. Ist der Kranke endlich imstande,jeden Einfall und jede Lust in jedem Augenblicke zurück-zudrängen, so ist er eben gesund. Sich genieren können,ist geheilt sein, es gar nicht können, ist verrückt sein.Eben weil eine soche Verwandtschaft stattfindet zwischen