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Neunter Brief.
Dort werden die Organe zerstört, ohne welche die Funk-tion nicht möglich ist, hier ist die Funktion an ihr Zielund Ende gelangt, und die Organe helfen nichts mehr.Dort stirbt der Mensch, weil man ihm das Lehen nimmt,hier, weil man es ihm so lange liefs, dafs er sich zuEnde gelebt hat. Dort wird der Naturlauf gewalt-sam unterbrochen, hier ist es der Lauf der Naturselbst, der zum Ziele bringt, weil das Mafs des Lebenserfüllt ist, deswegen tritt der Tod mit derselben Not-wendigkeit ein, mit welcher ein allmählich sich füllendesGefäfs endlich überfliefst.
Da von mir der Tod als das Gleichgültig-werden desLeibes und der Seele gegeneinander, oder auch als ihrEinander-gewohnt-werden bestimmt ist, dieser Begriff desTodes aber, wie ich sehr gut weifs, von den gewöhnlichenVorstellungen etwas abweicht, so mufs ich hier auf diesenäher eingehen, namentlich auf die allergewöhnlichste, dieBürgerrecht bei allen Völkern, ja fast bei allen Menschenhat, dafs nämlich der Tod in der Trennung des Leibesund der Seele bestehe. Schon in meinem vorigen Briefehabe ich bemerkt*), dafs eine Trennung von Leib undSeele, d. h. von Funktion und Fungierendem, ebensowenigmöglich sein könne, wie ein hölzernes Eisen; es verstehtsich also von selbst, dafs ich unter Sterben nicht einHölzern-werden des Eisens verstehen kann. Übrigensmufs auch der gemeinsame Sprachgebrauch wohl unterSterben noch etwas anderes verstehen als dieses Ausein-andergehen, denn sonst könnte er unmöglich sagen: derLeib allein sterbe und die Seele sterbe nicht. Heifst Ster-ben jenes Auseinandergehen, so ist der erste dieser Sätzeein Aberwitz (denn wie soll der Leib in Leib und Seeleauseinandergehen ?) und der zweite eine Trivialität (denn
*) Achter Brief pag. 187 ff.