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Zehnter Brief.
sonst braucht, wo es sich um ein Umfassen einer Vielheitvon Punkten handelt, das Wort beschreiben. Eineeinfache Perception läfst sich nicht beschreiben, sondernnur aufweisen, das Wahrgenommene dagegen wird be-schrieben, weil es eine Mannigfaltigkeit in sich enthält,deren Umkreis die Beschreibung angiebt. Alles Beschrei-ben betrifft Wahrnehmungen, jeder Beschreiber (z. B. derPhysiker, so lange er nur Naturbeschreiber sein will) teiltmit, was er wahrgenommen hat. Eben darum pflegt auchgewöhnlich die Naturbeschreibung als ihre Aufgabe diesanzugeben, dafs sie mit den Eigenschaften der Dinge be-kannt machen wolle. Diese Worte nämlich drücken dasaus, was das wahrnehmende Ich zu seinem Gegenständehat, und zwar so, dafs das Wort „Eigenschaften“ dieVielheit an demselben, das Wort „Ding“ aber die Einheitdesselben bezeichnet. Wenn darum das sinnliche Bewufst-sein mit etwas Gelbem oder etwas Saurem zu thun hatte,so die Wahrnehmung mit einem Dinge, das gelb ist undauch sauer; der Gegenstand von jenem ist nur Eines,der von diesem Eines und Vieles, Vieles, was Eines ist.
Da diese beiden Bestimmungen der Einheit und Viel-heit sich entgegengesetzt sind, so ist es begreiflich, dafs,wenn sich in dem wahrnehmenden Ich die Einheit sehrvordrängt, dafs dann die Vielheit zu verschwinden droht,umgekehrt aber, wenn sich die Vielheit sehr geltend macht,die Einheit fast verloren geht. Wundern Sie sich darumnicht, dafs die Ausdrucksweise zweier, die einen unddenselben Gegenstand beschreiben, so verschieden, ja ent-gegengesetzt sein kann. Wenn Sie zwei Naturbeschreiberhören, die beide von einer Citrone sprechen, und der Einesagt Ihnen: die Säure, Süfsigkeit, Wärme, gelbe Farbe,Wohlgeruch u. s. w. sind Eigenschaften der Citrone, derAndere aber sagt: die Citrone ist aus verschiedenen Ma-terien (Stoffen, Substanzen), die wir Säure, Zucker,