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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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301
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Zwölfter Brief.

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Wortesallgemeiner Wille vergessen wurde, an welcheKant erinnert, wenn er sagt: Nicht was alle wollen, istder allgemeine Wille, sondern was alle Vernünftigen wollensollen. Allein wir brauchen nicht einmal das diesen Briefenverpönte Gebiet der Politik zu betreten, um solchen Ver-wechselungen zu begegnen. Wie viele giebt es nicht,welche, unfähig ihr Ich zu verleugnen, wo von der ganzenMenschheit die Rede ist, nur sich gemeint glauben, undumgekehrt, wo ihr eigenes Interesse ins Spiel kommt, dieMenschheit selbst gefährdet glauben. Bleiben wir in IhrerNachbarschaft. Erinnern Sie sich noch des Herrn von***, der immer anstatt IchMan sagte, und dem IhreSchwester darum den Namen Monsieur le Chevalier dOngab, aus welchem dann später, um einen andern Nachbarzu persiflieren, Chevalier de On , endlich Chevalier dEonwurde. Glauben Sie wirklich, dafs nur zufälligerweisediese Gewohnheit bei dem aufgeblasenen Menschen herr-schend geworden war? Ich nach meinem alten Grundsatz:Redensart ist Denkungsart, ich urteile anders. Wer sichgewöhnt hat, anstatt IchMan, anstatt moi on zusagen, der mufs sehr oft sein Urteil für das der ganzenWelt angesehen haben, und dafs er an einem Übermafsder Bescheidenheit sterben werde, ist nicht zu befürchten.Sehen Sie nur genauer zu, und Sie werden diese Unartnur immer dort finden, wo an der Richtigkeit der eigenenAnsichten kein Zweifel stattfindet und wo verkannt wird,dafs nur völlige, auf Vernunftgründe sich stützende Ein-sicht dazu berechtigt, so zu sprechen.

Wie die Bestimmung des Individuums war, zu sterben,ebenso die des Ich, zu sterben undersäuft zu werdenin dem Ocean der Vernunft. Damit aber Ihr Befremdendarüber, dafs ein sonst lebensfroher Mensch schon zumzweitenmal zum Panegyriker des Todes wird, nicht zulange daure, so lassen Sie mich darauf aufmerksam machen,