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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Zwölfter Brief.

sich in seiner Hingabe im andern wiederfindet. Ein ganzgleiches Verhältnis aber findet statt im wahrhaften Er-kennen. So lange wir es mit völlig Unerkanntem oderfür unerkennbar Geltendem zu thun haben, mit einer dun-keln, völlig unerforschlichen Macht, so lange waltet inuns die Furcht, das Kind der Nacht, das stiere Erstaunen,welches sich nicht zu finden weifs, weil dergleichen ihmnoch nie vorgekommen. Sobald wir aber den Gegenstanddurch unser Erkennen durchdrungen haben, klar in ihmsehen, so bald hat auch jene Furcht aufgehört, wir sindin ihm zu Hause und bewegen uns frei in ihm. WerdenSie sich jetzt wundern, wenn Aristoteles von der Weis-heit, d. h. dem völligen Erkennen, sagt, dafs sie dasEnde des erschrockenen Staunens sei, und werden Sie eseinen Widerspruch damit nennen können, wenn die Bibelvon der Liebe sagt, sie sei das Ende der Furcht ? Liebeist Erkennen, darum ist die wahre Erkenntnis Liebe, wienach einem alten Spruch Gott erkennen ihn lieben heifst.Durch Umkehrung jener Aristotelischen und biblischenSätze kommt man zu dem biblischen, dafs die Furcht, undzu dem Aristotelischen, dafs das Staunen der Anfang derWeisheit ist, die wir vollkommen richtig finden müssen.Der Gehorsam, die Zucht, unter welcher das fürchtendeunterwürfige Ich stand, ist der Weg, an dessen Ende dieFreiheit winkt, das liebende Erkennen, die erkennendeLiebe.Ist Gehorsam im Gemüte, wird nicht fern dieLiebe sein, singt darum unser Lieblingsdichter, der mehrals einer die Lehrjahre zu schätzen und zu verherrlichenwufste. Er sagt nicht nur, dafs dem so sei, sondernauch warum:

Denn von der Macht, die alle Menschen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Ohne diese Befreiung vom eignen Ich ist das Ziel, dieWeisheit und Liebe, nicht zu erreichen, nur in ihr aber